Welt : Papst stößt auf jüdischen Protest

Fliegende Händler fühlen sich vom Vatikan verfolgt.

Paul Kreiner

Rom - Papst Benedikt XVI. und die vatikanische Staatsverwaltung legen viel Wert auf Ordnung, Schönheit und Sauberkeit. Deswegen hatten sie auch schon bei der Stadt Rom interveniert: Die immer zahlreicheren fliegenden Händler, die in den Gassen hinter dem Vatikan ihre gefälschten „Marken“-Handtaschen verkaufen, sollten verschwinden. Die Polizei ist mit Vertreibungsaktionen gegen die meist schwarzen Verkäufer vorgegangen.

Nun aber hat sich der Vatikan auch jene Händler vorgeknöpft, die auf seinem eigenen winzigen Staatsgebiet tätig sind. Es sind Männer, die auf dem Petersplatz religiöse Souvenirs anpreisen: Rosenkränze beispielsweise, Medaillen, Minimarienstatuen oder – immer noch ein Kassenschlager – Bilder von Johannes Paul II. Der Unterschied zu den Afrikanern um das Areal herum ist nur: Die fliegenden Händler arbeiten traditionell legal, mit Lizenz der vatikanischen Staatsverwaltung. Und: 99 Prozent von ihnen sind jüdischen Glaubens.

Das hat historische Gründe. Im 16. Jahrhundert waren im Kirchenstaat die Juden von den meisten bürgerlichen Berufen ausgeschlossen. Sie durften nur Altkleider sammeln und Geld verleihen. Paul IV. indes – derselbe, der die Juden 1555 zum Leben im Ghetto zwang – erlaubte ihnen den Verkauf religiöser Souvenirs um die päpstlichen Basiliken herum. Das Geschäft wurde seither innerhalb der Familien weitergegeben.

Nun hat Kardinal Giovanni Lajolo als Chef der Vatikanverwaltung die Lizenz der etwa ein Dutzend Händler auf dem Petersplatz widerrufen. Zwei Versuche zuvor – 1986 und 2000 – waren gescheitert. Johannes Paul II. ließ die Händler gewähren, als er erfuhr, dass es sich um Juden handelte. Auch diesmal protestierten die Betroffenen. Beim ersten Mal, vor knapp einer Woche, hatten sie sich israelische Fahnen umgehängt. Jetzt drohen sie mit schärferen und bildkräftigeren Maßnahmen: „Wir ketten uns am Petersplatz an. Dann sieht die ganze Welt, dass der Vatikan zu Weihnachten die Juden vertreibt.“ Eine Reaktion der Vatikanverwaltung steht noch aus.Paul Kreiner

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