Paris Hilton : Hölle der Eitelkeit

Viele wollen nie mehr etwas hören von Paris Hilton. Und doch müssen sich selbst Präsidentschaftskandidaten zu ihr äußern.

Matthias B. Krause[New York]
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Eine der meistgehassten Frauen der Welt. Paris Hilton.Foto: AFP

Vielleicht war es doch eine wichtige Entdeckung, die die Produzenten von Anderson Coopers Abendshow „360“ auf dem Kabelkanal CNN machten. Gerade hatte sich der Starreporter ausführlich mit dem Fall der wieder ins Gefängnis gesteckten Paris Hilton beschäftigt, das Foto der weinenden und völlig aufgelösten Hotelerbin im Fond des Polizeiautos spielte dabei eine wichtige Rolle. Nun projizierten sie ihm plötzlich ein ganz anderes Bild auf den Hintergrund, das eines kleinen vietnamesischen Mädchens, das schreiend und nackt nach einem Napalmangriff eine Straße entlang läuft, direkt in die Kamera hinein. Der einzige unmittelbare Zusammenhang: Die beiden Bilder mit ikonografischer Wirkung stammen vom selben Fotografen. Nick Ut bekam für sein Dokument aus dem Vietnamkrieg 1972 den Pulitzerpreis zugesprochen, heute arbeitet er für die Nachrichtenagentur Associated Press in Los Angeles und stellt – auch – den Reichen und Berühmten nach.

Vermutlich unfreiwillig war die Szene auch ein Eingeständnis und eine Offenbarung dessen, wie sehr sich die öffentliche Wahrnehmung verschoben hat in den 35 Jahren, die zwischen beiden Bildern liegen. Er wünsche sich, dass die Produzenten nicht ständig den „Verrückten des Tages“ durchs globale Dorf trieben, hatte sich CNN-Gründer Ted Turner zum 25. Geburtstag des Senders vor zwei Jahren gewünscht. Doch seitdem ist es nur schlimmer geworden. In E-Mails und in Anrufen lassen Zuschauer und Leser die US-Medien wissen, dass sie nichts mehr hören wollen von dem absurden Drama um die Hilton und ihren Gefängnisaufenthalt. Gleichzeitig schaffen es weder der Irakkrieg noch die Gefahr des Klimawandels, so starke Reaktionen hervorzurufen wie die Posse in Los Angeles. Eine Hilton-Parodie auf Youtube sehen sich innerhalb von drei Tagen 2,5 Millionen Menschen an.

Präsidentschaftskandidaten wie der Demokrat John Edwards müssen sich zu dem Phänomen befragen lassen. Die kurzzeitige Entlassung der wegen Alkohol am Steuer und Fahrens ohne Führerschein zu 45 Tagen verurteilten Hilton kommentierte er mit den Worten: „Es ist offensichtlich, dass wir das Problem haben, dass zwei unterschiedliche Amerikas existieren.“ Das der Reichen und Schönen, meinte er, und das der Habenichtse. Doch das ist viel zu kurz gegriffen. Es gibt auch das der Gebildeten und der Ungebildeten. Oder der Hispanics und der Asiaten. Oder der Weißen und der Schwarzen. Solche Aspekte kommen in der öffentlichen Diskussion nur am Rande vor, etwa wenn Kommentator Bob Herbert in der „New York Times“ von dem Fall der 14-jährigen Shaquanda Cotton aus Paris, Texas berichtet. Weil sie eine Aufsichtsperson in ihrer Highschool schubste, verurteilte sie der Richter im vergangenen Jahr zu – das ist jetzt kein Druckfehler – sieben Jahren Haft. Der gleiche Mann hatte wenige Monate zuvor ein weißes Mädchen, das der Brandstiftung überführt worden war, mit einer Bewährungsstrafe davon kommen lassen. Cotton wurde mittlerweile begnadigt, nicht ohne länger eingesessen zu haben, als Paris Hilton es je tun wird. Die Aufmerksamkeit könnte sich auch auf das völlig überforderte kalifornische Gefängnissystem mit mehr als 20 000 Insassen alleine in Los Angeles richten. Die Haftanstalten dort sind so überfüllt, dass der Sheriff angehalten ist, Strafen wegen geringfügiger Taten sofort zur Bewährung auszusetzen. Darauf hatte auch Hilton gehofft und dabei unterschätzt, wie viel Neid und Missgunst sie als Super-Celebrity anhäufte. Da konnte ihr nicht einmal der im freundlichen Umgang mit den Stars geübte Sheriff Lee Baca helfen.

Es lässt sich schwer festmachen, was diese Wut auslöst, diese Schadenfreude. Vielleicht die absolute Talentfreiheit der 26-Jährigen, die sie nicht davon abhielt, zu einer globalen Marke zu werden. Ihre hirnlose TV-Show „Simple Life“ oder die Dreistigkeit, mit der sie ein angeblich illegal gedrehtes Pornovideo von ihr und ihrem damaligen Freund zum Absprung in die große Welt nutzte? Selbst in Hollywood, wo der eine Star dem anderen gerne zur Seite stellt, bringen sie ihr derzeit wenig Sympathie entgegen. Was nicht heißen soll, dass sie ihren Marktwert unterschätzen. ABC nutzte die Gelegenheit, um ganzseitige Unterstützeranzeigen in der „Los Angeles Times“ und der „New York Post“ zu drucken. „Wir lieben dich, Paris. Die Darling Family“, hieß es darin. Nun ist die Darling Familie aber ein Kunstprodukt, der Mittelpunkt der neuen ABC-Show mit dem Titel „Dirty Sexy Money“, die auffällig nach dem Vorbild des Hilton-Clans gestrickt ist. Nick Ut wird kaum eine Wahl bleiben, als diesen Wahnsinn weiter zu dokumentieren.

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