Welt : Party am Strand, Panik in Anatolien

Totale Sonnenfinsternis von Brasilien bis in die Mongolei / In der Türkei sorgt das Ereignis nicht nur für Begeisterung

Susanne Güsten[Antalya]

Als die Sonnenfinsternis begann, nahm zuerst kaum jemand Notiz davon. Auf den Liegen am Strand des Hotels Larespark in Antalya interessierten sich nur wenige Urlauber dafür, dass der Sonnenscheibe am wolkenlosen Himmel gegen Mittag plötzlich ein Stück fehlte, als habe jemand hineingebissen. Erst als das Licht immer blasser wurde, stieg die Spannung am Strand. In der antiken Stadt Side in der Nähe ging unterdessen ein großes „Ohhh“ durch die Reihen der mehreren tausend Zuschauer, als sich die Sonne verdüsterte – und frenetischer Beifall begrüßte wenige Minuten später das zurückkehrende Sonnenlicht. Doch nicht überall in der Türkei waren die Menschen begeistert. Während Urlauber und Sterngucker das Spektakel bestaunten, packten tausende Menschen in Zentralanatolien ihre Siebensachen und flohen in heller Panik aus ihren Häusern: Sie befürchten, dass die Eklipse ein schweres Erdbeben auslösen wird.

Zentrum der Erdbebenpanik ist die Stadt Niksar in der Provinz Tokat östlich von Ankara. Ein bis dahin völlig unbekannter Forscher, Mustafa Yildirim, hatte in einem offenen Brief gewarnt, innerhalb weniger Tage nach der Sonnenfinsternis werde es dort ein Beben der Stärke 6,8 bis 7,2 geben. Niksar liegt in der Nähe einer Verwerfungslinie, an der ohnehin ständig Erdbeben drohen. Yildirims Warnung verunsicherte viele Menschen so sehr, dass sie sich auch durch mehrmals wiederholte Aufrufe von Behörden und Erdbebenexperten nicht mehr beruhigen ließen.

In einigen Dörfern in der Gegend um Niksar waren am Mittwoch vier von fünf Einwohnern geflohen. Sie zogen in Zelte um, zogen bei Verwandten ein oder fuhren auf die „Yaylas“, Bergwiesen, die sonst nur als Sommerdomizil genutzt werden. Bis Ende Mai wollen einige von ihnen in Zelten und Berghütten bleiben, um ganz sicher zu gehen, dass sie nicht Opfer eines neuen schweren Bebens werden. Wenige Tage nach der letzten Sonnenfinsternis in der Türkei am 11. August 1999 hatte es im Nordwesten des Landes ein schweres Beben gegeben, bei dem 20 000 Menschen starben. Ähnliches kann auch jetzt wieder geschehen, glauben viele Türken. Doch selbst nach zwei Jahren in einer Berghütte wären die Menschen in Zentralanatolien nicht vor Erdbeben sicher, sagen Fachleute wie der Geophysiker Haluk Eyidogan. Er ist Vorsitzender des türkischen Erdbebenrates und schärft seinen Landsleuten immer wieder ein, dass große Teile des türkischen Staatsgebietes nun einmal erdbebengefährdet sind und dass sich die Türken auf den Ernstfall einstellen müssen. Das liege aber an den geologischen Gegebenheiten in Anatolien, und nicht an dem kosmischen Schauspiel der Sonnenfinsternis.

Dieses Schauspiel hatte mehrere zehntausend Urlauber, Wissenschaftler und Hobbyastronomen aus aller Welt in die Türkei gelockt. Zwar war die Sonnenfinsternis von Brasilien über Westafrika, Libyen und Zentralasien bis in die Mongolei zu sehen. Doch mit seiner Verbindung aus verlässlich gutem Wetter und touristischer Infrastruktur war der Süden der Türkei ein weltweit einzigartiger Standplatz für die Eklipsen-Fans.

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