Patchwork-Familien : „Alle vier Jahre bin ich ein Zirkustier"

Sie schürft literarische Goldstäubchen aus dem mitteltemperierten Alltag: Die Schriftstellerin Eva Menasse über Patchwork-Dramen und die Liebe zu ihren Figuren.

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Eva Menasse.
Eva Menasse.Foto: Mike Wolff

Frau Menasse, in Ihrem Roman „Quasikristalle“ schreiben Sie: „Eine Wahnsinnsfrau – das sagen wir über diese in sich ruhenden, beißend witzigen Älteren, diese bewunderten Großmutter-Ikonen unserer Gesellschaft, die gut sind für Matineen und Interviews in den Wochenendbeilagen. Grobkörnige Schwarz-Weiß-Porträts.“

Und nun wurde ich selbst dafür fotografiert ...

… und im neuen Buch „Tiere für Fortgeschrittene“ gibt es nichts Besseres als eine Zeitung, um Erbrochenes aus einer schmalen Ritze zwischen Zustellbett und Hotelwand herauszusaugen.

Das ist eine Szene, die mir tatsächlich passiert ist. Es war kein Hotelzimmer, sondern ein von oben bis unten vollgekotztes Auto. „Die Zeit“ ist besonders saugfähig. Da haben Sie mich bei einem Wirklichkeitssplitter in der Literatur ertappt!

Sie fingen als Journalistin in der Redaktion des österreichischen Nachrichtenmagazins „Profil“ an, als Sie 18 waren.

Ich saß an der Schreibmaschine meines Vaters und fühlte mich wie ein kompletter Idiot. Die hatten mir gesagt, in eine Zeile sollen 40 Anschläge, deshalb war ich überzeugt, das Wort müsse am Ende der Zeile auch zu Ende sein. An meinem ersten „Kreuzworträtsel“ schrieb ich eine Woche, Tag und Nacht, Blut und Tränen. Es war peinlicherweise das Porträt eines Tischlers, ein guter Bekannter des Chefredakteurs, ein Gefallen. Zum Glück ist der Artikel nie erschienen. Und erst die Redaktionskonferenzen! Ich stand vor Schüchternheit erstarrt in der Tür, da saßen all die schwer rauchenden, wichtigen Männer, und mittendrin Sigrid Löffler.

Ihr Vater war begeisterter „Profil“-Leser, fürchteten Sie sein Urteil?

Nein. Schon als Kind hatte ich ihn montags bei der Lektüre der Kommentare „Der spricht mir aus der Seele!“ murmeln gehört. Als ich selbst im Pressezentrum der Seele meines Vaters arbeitete, hat er mich nur gefragt: „Warum steht diese Woche nichts von dir drin?“ Ich habe diese Arbeit trotzdem geliebt. Es war das Tollste, was es gab.

Während Ihrer Zeit als Journalistin schulten Sie Ihre Beobachtungsfähigkeit. Was ist bei Ihnen stärker ausgeprägt: Beobachtungsgabe oder Erinnerungsvermögen?

Ich habe damals gemerkt, dass ich als Schüchterne mehr mitbekomme als diejenigen, die gleich hingehen und fragen: „Sie haben also gerade Ihren Mann umgebracht?“ Und es passiert mir immer wieder, dass ich alten Freunden Heldengeschichten über sie selbst erzähle. „Kannst du dich noch erinnern? Du warst so toll damals in dieser Situation.“ Die schauen mich nur an und glauben, ich hätte es erfunden. Ich habe ein gutes Gedächtnis, aber das ist manchmal beunruhigend für andere.

Interessant, dass Sie Ihren Freunden Heldengeschichten erzählen. Liest man Ihre Bücher, denkt man: Eine Figur von Eva Menasse möchte ich wirklich nicht sein.
Es ist ja eine Funktion von Literatur, dass es um die Reibung zwischen Menschen geht.

Wo verläuft für Sie die Grenze zwischen Präzision bei der Beobachtung und Erbarmungslosigkeit?

Ich möchte eigentlich immer voller Erbarmen sein. Gerade die schlimmsten Figuren bemühe ich mich besonders zu lieben. Literatur, die von oben herab das Gekrabbel der ahnungs- und hilflosen Menschen beschreibt, mag ich gar nicht. Das ist kalte Literatur. Mir geht es um die warme Literatur: Ich nehme Anteil an meinen Figuren, und trotzdem zeige ich sie in Momenten, die für sie nicht schmeichelhaft sind.

Bleiben Sie im Leben bewusst hinter Ihren Fähigkeiten zurück, um andere nicht zu verletzen?

Erst vor Kurzem hatte ich ein unangenehmes Gespräch mit einem Freund, der mir sagte, er habe sich davor gefürchtet, wie ich manchmal über andere rede. Aber ich glaube, ich werde besser. Ich bemühe mich wirklich, höchstens um einer Pointe willen scharf zu formulieren, nicht um andere niederzumachen. In unserer Familie haben alle eine scharfe Zunge. Als Kind habe ich mich gefühlt wie in einem Meer voller unglaublich witziger, schlagfertiger Leute, und ich musste schwimmen lernen.

Das große Thema Ihrer neuen Geschichten ist die Patchworkfamilie. Da sind Sie Expertin: Sie kommen selbst aus einer.

Bei uns war Patchwork eine totale Wohlfühlveranstaltung. So kam es mir als Kind vor. Erst bei den Recherchen für die Familiengeschichte „Vienna“ habe ich herausgefunden, dass man auch nicht immer ganz friedlich miteinander war. Es lag vor allem an den sehr großzügigen Frauen, dass es trotzdem funktioniert hat.

In den 70er Jahren war eine Patchworkfamilie ungewöhnlich. Heute gibt es viele dieser Konstrukte – und sie ähneln den Kampfzonen, die Sie beschreiben. Haben Sie eine Erklärung?

Wenn ich meine kulturpessimistische Phase habe, denke ich: Die Leute damals hatten gerade den Krieg überlebt und haben so eine Scheidung nicht damit verwechselt. Mittlerweile werden aus solchen Konstellationen Schlachtfelder, weil es offenbar nichts anderes gibt, wo man sich ausagieren kann.

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