Patenschaften : Die lieben Wahlverwandten

Leihgroßeltern, Familienbetreuer, Hospizhelfer: Projekte mit Paten sind besonders beliebt. In Berlin hat sich die Zahl verzehnfacht.

von und Stefanie Walter

Es sind die alleinerziehenden Mütter, die Hilfe suchen. Schwerkranke, die keinen Kontakt zu ihren Kindern haben und sich über Besuch freuen würden. Oder ältere Menschen, die eine Aufgabe suchen – sie alle finden sich in ehrenamtlichen Patenschaftsprojekten. Die Bindungen, die da entstehen, halten mitunter ein Leben lang – und sind geprägt von Fürsorge, Aufmerksamkeit und Liebe. In Berlin boomen diese Patenprojekte.

„Ein herzliches Dankeschön an unsere Familienfreunde“ schickte jetzt das SOS-Familienzentrum Berlin an alle Engagierten heraus. Diese stehen jungen Familien bei, beratschlagen sie bei individuellen Problemen, entlasten junge Mütter und Väter, die Kindererziehung und Berufsleben unter einen Hut bekommen müssen. Seit zwei Jahren läuft das Projekt erfolgreich, sagt Juliane Koch vom SOS-Kinderdorf e.V. Bei der Koordinatorin der „Familienfreunde“, Kerstin Gentsch (Tel. 56 89 10-14), melden sich etliche Interessenten. Wie auch bei den Elternpatenprojekten „Känguru“ von der Diakonie (440 30 82 62) und „biffy“ (311 66 00 - 88). Patenschaften in der ehrenamtlichen Arbeit liegen im Trend, weiß auch Bernd Schüler, der bei der Bundesarbeitsgemeinschaft der Freiwilligenagenturen für Patenschaften zuständig ist. „In Berlin haben wir in den vergangenen zehn Jahren eine Verzehnfachung der Projekte erlebt. Hier entsteht ein Projekt nach dem anderen.“ Konkrete Zahlen über Projekte und Patenschaften bundesweit existierten aber nicht. In den USA besäßen etwa drei Millionen Kinder und Jugendliche einen „Mentor“, der sie ehrenamtlich betreut. Dort sei die Mentoring-Idee vor rund hundert Jahren entstanden mit dem Ziel, verwahrlosten Kindern einen Betreuer zur Seite zu stellen, berichtet Schüler. In Berlin starteten vor rund zwanzig Jahren die ersten „Wunsch-Großelterndienste“, die „Leih“-Omas und -Opas an Familien vermitteln. „Großelterndienste haben auch heute noch den meisten Zulauf, weil die normale Familienrolle der Oma besetzt wird“, sagt Schüler.

Daraus entwickelten sich Patenschaftsprojekte für Kinder, deren Eltern süchtig oder psychisch krank sind, für Migranten, für straffällig gewordene Jugendliche, Lese-Patenschaften, Projekte für Altenheimbewohner oder Rheumapatienten, Besuchsdienste, Mentoring-Programme in der Wirtschaft und zum Übergang von Schule zum Beruf.

„Für die älteren Freiwilligen ist meist das Motiv, dass sie Kontakt zu Jugendlichen bewahren und etwas weitergeben wollen“, hat Sozialwissenschaftler Schüler beobachtet. Attraktiv sei die persönliche Beziehung zum Paten, eine Art „Wahlverwandtschaft“. Doch genau an diesem Punkt scheitern viele Patenschaften: „Paten kommen oft in eine ihnen völlig fremde Welt, die sie nicht gleich verändern können.“ Manchmal seien die „Lebenswelten zu unterschiedlich“. Hier sind auch Organisationen und Ehrenamtsagenturen gefragt, bei der Auswahl der Helfer und der Klienten darauf zu achten, dass diese zueinander passen und sich jeweils in den anderen einfühlen.

Auch in kleineren Städten und Ortschaften in Brandenburg boomt das Miteinander auf Gegenseitigkeit. Trotz des Booms gibt es aber noch viel Bedarf. In den USA gehe man davon aus, dass 15 Millionen Kinder einen Mentor bräuchten. „Auch bei uns gibt es genug Kinder, die davon profitieren könnten“, sagt Schüler. Es gebe eine große Bereitschaft, aber die Menschen „brauchen einen Impuls“. Ähnliches hat Randolf Gränzer, Vorsitzender des bundesweit aktiven Fördervereins Patenschaften-Aktiv, festgestellt: „Das Interesse der Öffentlichkeit an den Projekten besteht, wenn sie denn davon erfährt.“ Der Münchener Verein führt eine zentrale Datenbank für Patenschaften. Mehr als tausend Projekte in 800 Städten sind aufgelistet. Sobald Berichte in den Medien erschienen, schnellen die Nutzerzahlen seiner Website in die Höhe. Gränzer hofft jetzt, in der Wirtschaft Unterstützung für eine Info-Kampagne zu finden: „Man müsste die Idee noch bekannter machen.“ Dann würden noch mehr Menschen zueinanderfinden. Stefanie Walter (epd), Annette Kögel



Infos zu Patenprojekten im Internet:

www.patenschaften-aktiv.de

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