Paul Potts : Eine Stimme geht um die Welt

Der Tenor Paul Potts wurde in der Münchner Allianz-Arena gefeiert. Ist er überhaupt ein Opernsänger?

Frederik Hanssen
Paul Potts
Paul Potts. -Foto: dpa

Giacomo Puccini ist der Erfinder der modernen Casting-Show. In seiner letzten Oper „Turandot“ gibt es eine Szene, die jedem „Deutschland sucht den Superstar“-Junkie bekannt vorkommen dürfte. Es wird ein Wettkampf um die chinesische Kaisertochter ausgetragen: Wer Turandot als Gattin erringen will, muss drei Fragen richtig beantworten. Liegt der Kandidat nur einmal daneben, wird er einen Kopf kürzer gemacht. Auch das hat sich in Zeiten von Dieter Bohlen nicht geändert, wenngleich der Poptitan sich im Gegensatz zur chinesischen Prinzessin mit verbalen Exekutionen begnügt.

Kalaf, der Tenor in der Puccini-Oper, enträtselt richtig – und doch will Turandot ihm nicht die Hand zum Ehebund reichen. „Wenn Du bis morgen früh meinen Namen errätst“, entgegnet er, „werde ich auf meinen Gewinn verzichten.“ Um diesen Wettkampf geht es in der Arie „Nessun dorma“, mit der ein schiefzähniger Handyverkäufer namens Paul Potts berühmt geworden ist. Seit er in der Casting-Show „Britain's Got Talent“ Jury und Publikum mit seinem beseelten Gesang zum Weinen brachte, wird der 37-jährige Engländer um die Welt gereicht.

Gestern Abend sang er sein „Nessun dorma“ vor Fußballpublikum, in der Allianz-Arena, zum Auftakt der Bundesliga vor dem Spiel Bayern gegen den HSV. Anfangs musste er noch gegen die Chöre der Fans ansingen, am Ende aber gab es frenetischen Beifall für den Waliser, der mit seiner inneren Hingabe die Menschen in ihrem Herzen berührt.

Die Bundesrepublik gehörte dabei eigentlich gar nicht zum Zielgebiet seiner Manager – weil Paul Potts erste und einzige CD aber die hiesigen Hitparaden stürmt, seit die Telekom seinen legendären Auftritt in einem Werbespot ausschlachtet, wurde eilig nun auch eine Deutschland-Tournee aus dem Boden gestampft. Nach dem Auftakt in Hamburg wird Paul Potts am 27. Oktober auch in der Berliner Max-Schmeling-Halle erwartet. Der Ort des Auftritts beantwortet eine derzeit häufig gestellte Frage: Ist dieser Mann überhaupt ein Opernsänger?

Paul Potts hat seinen Tenor professionell ausbilden lassen, in seiner Heimat wie auch in Italien, wo er sogar – folgenlos – Luciano Pavarotti vorgesungen hat. Er ist in Amateur-Aufführungen aufgetreten, doch den Mut, an einem echten Opernhaus um eine Rolle als Solist zu kämpfen, fand er nie. Im Schutze hunderter talentfreier Selbstüberschätzer wagte er sich dann immerhin zu „Britain's Got Talent“. Mit den bekannten Folgen.

Seit er durch die TV-Show über Nacht berühmt geworden ist, hat Paul Potts allerdings immer mit Mikrofon gesungen. Ob seine Organ in einem klassischen Theatersaal die Töne auch unverstärkt bis in den zweiten Rang hinaufzutragen vermag, weiß keiner. Denn sein Management hat ganz offensichtlich nicht das geringste Interesse daran, ihn auf die gefährlichen Bretter zu schicken, die die Opernwelt bedeuten.

Auf seiner CD „One Chance“ findet auch nur eine einzige echte Klassik-Nummer, eben jenes „Nessun dorma“, das Tenorissimo Pavarotti bereits bei der Fußball-WM 1990 in den Status eines massenkompatiblen Schlagers katapultiert hatte. Der Ohrschmeichler mit dem finalen Ausruf „Vincerò!“ hat den unschlagbaren Vorteil, dass er im Gegensatz zu den meisten Opernarien die Normlänge eines Pop-Hits von drei Minuten nicht überschreitet. Außerdem ist „Nessun dorma“ nicht so schwer zu singen – im Gegensatz zu der kompletten Partie des Kalaf in „Turandot“, mit der sich schon so mancher Ritter vom hohen C seine Stimmbänder ruiniert hat.

Die weiteren Titel der Potts-Scheibe stammen aus dem streichergestützten Schnulzen-Repertoire, das bei Seicht- Sendern wie „Klassik Radio“ als Klangtapete für den grauen Alltag verkauft wird: Da gibt es „Time To Say Goodbye“ auf Italienisch, „Amapola“, bekannt aus dem Film „Es war einmal in Amerika“ oder auch „Music of the Night“ aus dem Musical „Phantom der Oper“. Mit solchen Songs hat vor einigen Jahren auch ein anderer Tenor mit rührender Lebensgeschichte sein Geld verdient: Andrea Bocelli. Und so wie sich im Fall des blinden Italieners bald ein Intendant fand, der Bocelli als Darsteller buchte – im Teatro von Cagliari auf Sardinien tappte er als Rodolfo in „La Bohème“ über die Bühne –, wird sich früher oder später wohl auch Paul Potts in einer Inszenierung wiederfinden. Danach wird man sagen können, ob er tatsächlich ein Opernsänger ist. Bis dahin aber müssen sich seine Fans mit Mikrofon-Auftritten an eher kulturfernen Orten begnügen, wie bei seinem gestrigen Auftritt beim Spiel Bayern München gegen den HSV. Bereits am 29. August erklimmt der Brite den Pop-Olymp: Da ist er nämlich neben Ochsenknecht-Sohn Wilson Gonzales, Lady Gaga, DSDS-Gewinner Thomas Godoy und den „Killerpilzen“ bei „The Dome“ auf RTL2 zu Gast.

„Bild.de“ hat unter ihren Usern übrigens gerade „den deutschen Paul Potts“ ermitteln lassen: Gewonnen hat Jens S., ein 34-jähriger, lediger Rechtsanwalt und Hobby-Tenor aus Bruchsal.

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