Welt : Paula: Die Sonne haben wir verdient

Sassan Niasseri

Die Texte der Berliner Band Paula sind nicht für Zeitungsleser und Nachrichten-Junkies geschrieben worden. Darauf legt Berend Intelmann großen Wert. Es genügt dem Komponisten und Songschreiber vollkommen, wenn die Geschichten, die er sich ausdenkt, die Realität nur vorgaukeln. Wie seine Geschichte vom Superhelden "Jimmy", der immer wieder auszieht, das Universum zu retten und dabei stets seine kleine Freundin zurücklassen muss. Oder die vom "Seemann", der dasselbe tut wie "Jimmy", bloß eben auf den Weltmeeren. Beide fallen unter die Intelmannsche Vorstellung von Alltags-Nobodies und ihren fantastischen Schicksalen.

Mit dem ersten Radiohit von Paula, dem Disco-Stomper "Als es passierte", haben die Songs vor allem eines gemeinsam: das Schönsein. Das Nurschönsein. Sie sind deswegen schön, weil sie keine Bedingungen an den Hörer stellen; sie erzählen von Situationen, die man verfolgen kann, ohne gleich Stellung beziehen zu müssen. Deshalb lohnt es nicht, sich über die Bedeutung von Paula zu streiten. Die Melodien (charmant und verspielt) und die House-Beats (im Wattegewand) verfolgen nur ein Ziel: den Hörer in Sicherheit zu wiegen. Schließlich wollen Intelmann und die Sängerin Elke Brauweiler nicht Teil einer Jugendbewegung sein. Sie sind also ungefährlich - quasi das musikalisches Äquivalent zu dem unbedarften Almduo Heidi und der Ziegenpeter.

Die Erfolgsgeschichte von Paula begann im Sommer letzten Jahres: Radio Eins und Radio Fritz hatten den Underground-Act mit "Als es passierte" auf ihre A-Playlist gesetzt. Der Song kam gut an; Paula war in aller Munde, die Konzerte im Umkreis von Berlin allesamt ausverkauft. Dann erschien "Himmelfahrt", das Debüt-Album. Die Themen: Frühstück, Alltag zu Zweit, ein Schlaflied. Dazu die freundlich lockende Stimme Brauweilers, klanglich einzuordnen irgendwo zwischen Schneeglöcken und Betty Boo. Die Jugend hörte begeistert zu: Trend. Und obwohl in den Songs der Name der Hauptstadt kein einziges Mal vorkommt, galten Paula mit einem Mal als die Berliner Vorzeigeband schlechthin: für die Szene, weil sie unpolitisch ist, für die Teens, weil sie Radio Fritz glauben. Und für die Medien, weil sie schon lange nach einer Pop-Band für die Berliner Republik gesucht haben, die sich auf einen breiten Konsens verlassen kann. Außerhalb von Berlin dagegen verlief die Karriere von "Himmelfahrt" erwartungsgemäß schwach - eben so, wie man es von einer Singles-Band erwartet hatte.

Jetzt, nur ein knappes Jahr später, erscheint der Nachfolger von "Himmelfahrt". "Liebe" heißt das schwierige zweite Album, das als Weichensteller für die Zukunft einer Band ausschlaggebend sein kann. Und bei aller Liebe: Intelmann und Brauweiler hätten sich mehr Zeit nehmen sollen. Auch wenn die Halbwertszeit einer neuen Band heutzutage knapper scheint denn je: Das Risiko, der Qualität zuliebe für längere Zeit von der Bildfläche zu verschwinden, muss man eingehen. "Liebe" ist ein Schnellschuss geworden. Zwar beschreiben die Texte den Alltag wieder treffsicher, aber die Musik ist langweilig. Der Opener (zuleich die erste Single) "Von guten Eltern" ist dabei noch der beste Song. Mit Textzeilen wie "Wir sind von guten Eltern, wir wissen, was sich ziemt, uns wird die Sonne scheinen, das haben wir verdient" überraschen Paula erstmals auch mit Zynismus und dem Spiel mit der Dekadenz. Das zeigt auch das optisch erneuerte Image der Band: Dem asexuellen, weißen Hosenanzug von "Himmelfahrt" stehen auf "Liebe" nun Glitzer, Schminke und der Netzstrumpf gegenüber.

Modische Kleinigkeiten, nur ein Spleen vielleicht, aber das färbt auf die Musik ab. Geht die Single also noch als Single durch, klingen die restlichen Melodien auf der Platte genauso, wie man sich netzbestrumpfte Popmusik vorstellt: kraftlos und satt. Ein kompositorisches Eigentor mit Ansage. Zudem stellt der Soundtüftler Intelmann sich nicht gerade als ein cleverer Langfinger heraus: "Ich hatte schon davon gehört" ist ein Rip-Off von Air und deren bekannter Basslinie aus ihrem Hit "Sexy Boy". Was als Reminiszenz entschuldigt werden könnte und unter Musikern oft als Selbstverständlichkeit gilt, wird hier zum reinen Ideenklau. Viel mehr als diese Basslinie hat der Song nämlich nicht zu bieten. Oder "Alles liegt in Deiner Hand": Geglöckel und Gefrickel, dass man sich zuweilen an die alten Olympiade-Titelsongs vom ZDF erinnert fühlt. Nur streckenweise taucht auf "Liebe" eine analog anmutende Produktionsweise auf, und das ist dann ein großer Pluspunkt: der Sound klingt organischer und weniger nach NDW; die Band arbeitet vermehrt mit Holzbläsern, Akustik-Gitarre und einem Schlagzeug. Stillstand muss nicht schlimm sein, aber andere Bands warten jetzt darauf, Paulas Platz als Medien-Lieblinge einzunehmen. "Liebe" zeigt, dass Paula nur noch ein Farbtupfer unter vielen in der Berliner Musiklandschaft sind. Dabei hatte Berend Intelmann schon zu Beginn der Karriere von Paula stets darauf verwiesen, dass er die Band nicht als "berlintypisch" stilisiert sehen möchte. Egal. Aber wer kommt nun? Quarks, Contriva oder Komeit, allesamt vom Berliner Alternativ-Label Monika? Die sind schon zulange dabei, zu kauzig und mit zuwenig Pop-Appeal ausgestattet. Vielleicht Patrick Wagner, Sänger der Punkrock-Band Surrogat und Chef des In-Labels "Kitty Yo". Der ist stolz darauf, ein Berliner zu sein. Denn er schreit immer wieder: Hey Berlin, ich komme, also gib mir alles. Und hat damit immer wieder Erfolg. Vielleicht sollten Paula demnächst auch einmal mit dem Schreien beginnen.

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