Welt : "Pearl Harbor": Die längste Schlacht von Hollywood

Malte Lehming

Die Sonne ist untergegangen. Auf dem Deck des nukleargetriebenen Flugzeugträgers "John C. Stennis" haben sich 2000 Gäste im Smoking versammelt. Einige von ihnen müssen im Rollstuhl sitzen. Das sind die Veteranen. Es gibt Häppchen und Champagner. Ein Kampfhubschrauber nähert sich. Fallschirmjäger seilen sich ab. Die Gäste klatschen. Anschließend bilden einige Jets eine Flugformation. Damit soll an mehr als 2400 US-Soldaten erinnert werden, die fast genau an dieser Stelle vor fast genau 60 Jahren an einem einzigen Vormittag getötet wurden. Es ist Montag, willkommen im Hafen von Pearl Harbor auf Hawaii.

Dann beginnt, auf eine gigantische Leinwand übertragen, der knapp drei Stunden lange Film. Aus riesigen Lautsprechern dröhnt das Geräusch angreifender Bomber und gewaltiger Explosionen. Anschließend pendeln die Gäste zwischen der Party auf dem Oberdeck und der Party auf dem Unterdeck. Als die Sonne wieder aufgeht, ist die Fünf-Millionen-Dollar-Premierenfeier zu Ende. Am Wochenende kommt der Sommer-Hit dieser Saison in die US-Kinos.

"Pearl Harbor" zeigt die längste Schlachtszene der US-Filmgeschichte, das Budget ist mit 135 Millionen Dollar das teuerste, das in Hollywood jemals bewilligt wurde, gewürzt wird das Opus mit raffinierten computeranimierten Spezialeffekten, die Produzenten erhoffen sich einen Erfolg, der selbst "Titanic" in den Schatten stellt.

Der 7. Dezember 1941 war ein Sonntag. In Europa tobte seit mehr als zwei Jahren ein Krieg, mit dem die Mehrheit der Amerikaner nichts zu tun haben wollte. Das Land hatte sich gerade von einer wirtschaftlichen Depression erholt. Man wollte seine Ruhe und fühlte sich sicher. Seit 1812 hatte es kein Land mehr gewagt, die Festung Amerika anzugreifen. An diesem Morgen, geschützt von Regen und Nebel, zerstörten 353 japanische Kampfflugzeuge in einem Überraschungscoup den Großteil der in Pearl Harbor ankernden US-Flotte. Der Schock saß tief. Innerhalb von Minuten verkehrte sich die Stimmung in ihr Gegenteil. US-Präsident Franklin D. Roosevelt rief die Männer zu den Waffen. Jetzt gab es nur noch ein Ziel: Die Japaner und Deutschen mussten zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen werden. Seinen Abschluss findet das Pearl-Harbor-Trauma im Abwurf der Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki.

Der Film "Pearl Harbor" gehört in die "Titanic"- und "Vom-Winde-verweht"-Kategorie. Er ist jedoch nicht frei von dem Verdacht, das Grauen aus Unterhaltungsgründen zu ästhetisieren. Die Japaner sind in dem Film keine blutrünstigen Monster, die asiatische Gräuel verüben, sondern aufrechte Kriegsgegner mit menschlichem Antlitz. Schließlich soll der Film auch in Japan ein Hit werden. Außerdem geht es längst nicht so brutal zu wie in Steven Spielbergs "Saving Private Ryan". "Pearl Harbor" ist freigegeben für Zuschauer ab 13 Jahren.

Auch auf die Konspirationstheorien, die sich um den Angriff ranken, lässt sich der Film nicht ein. Die Frage, ob Roosevelt von den Plänen der Japaner wusste und das Töten auf Hawaii geschehen ließ, um einen Vorwand für den Kriegseintritt der USA zu haben, bleibt offen. Außerdem wird die Überrumpelung nicht als ein Versagen der US-Armee dargestellt. Und als Letztes wird der Einwand entkräftet, ohne Pearl Harbor hätten die Amerikaner weiter tatenlos dem Morden Hitlers zugesehen: Einer der Hauptdarsteller meldet sich als Freiwilliger, um an der Seite der Briten gegen die Nazis zu kämpfen.

Verpackt ist die 40-minütige Schlachtszene des Action-Regisseurs Michael Bay in eine leicht berechenbare Liebesgeschichte. Die Jugendfreunde Rafe (Ben Affleck) und Danny (Josh Hartnett) gehen zum Militär, weil sie sich für die Fliegerei begeistern. Rafe ist mit der entzückenden Krankenschwester Evelyn (Kate Beckinsale) zusammen, die er aber verlässt, um in Europa gegen Hitler zu kämpfen. Danny und Evelyn werden nach Pearl Harbor versetzt. Dort erhalten sie die Nachricht, Rafe sei gefallen. Daraufhin kommen sie sich näher, bis der Totgeglaubte eines Tages wieder vor der Tür steht. Am Ende, so viel sei verraten, wird alles gut.

Die PR-Maschinerie für "Pearl Harbor" läuft auf Hochtouren. Auch die Medien können sich dem Sog nicht entziehen. Fast täglich sind historische Aufsätze oder Zeugenberichte zu lesen, Talkshows und Dokumentarsendungen vollenden die Erinnerungsoffensive. Die Zeitschrift "Newsweek" publizierte bereits eine Titelgeschichte.

Auch George Brown war bei der Premiere. Der 80-Jährige war in Pearl Harbor auf der "Oklahoma" stationiert, die ebenfalls versenkt wurde, wobei 429 Menschen starben. "Ich fand den Film großartig", sagt er, "und meinen Kameraden hätte er auch gefallen."

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