Pfusch beim U-Bahn-Bau : Karneval statt Katastrophenalarm

Nachdem sich schwere Baumängel an der U-Bahn zeigten, erwog Köln, die Innenstadt zu evakuieren. Mittlerweile gab man Entwarnung, doch eine Ungewissheit bleibt.

Marc Steinhäuser

Diese Mitteilung war Guido Kahlen die wichtigste: Der Rosenmontagszug ist sicher: "Wir sehen keine Einsturzgefahr und keinen direkten Handlungsbedarf", sagte Kölns Stadtdirektor angesichts neuer Probleme an mehreren U-Bahn-Baustellen. Alle Experten seien sich einig: Die Innenstadt ist in den nächsten fünf Tagen sicher. Kahlen hält das für "ein gutes Signal an die Bevölkerung". Es zeige, auch in der Narrenzeit sei man "sofort handlungs- und entscheidungsfähig".

24 Stunden zuvor waren Kahlen und Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) noch deutlich nervöser gewesen. Am Donnerstagmorgen hatte das Baukonsortium Arge die Kölner-Verkehrs-Betriebe (KVB) über Unregelmäßigkeiten in Bau-Protokollen und fehlende Stahlbügel in den U-Bahn-Baustellen informiert. Ein inzwischen suspendierter Mitarbeiter eines Subunternehmens soll den Stahl an einen Schrotthändler verkauft haben. Nur in 17 Prozent der Wände betteten die Bauarbeiter überhaupt die vorgeschriebenen 65 Zentimeter langen Stahlbügel ein.

Die Zahlen sorgten für große Aufregung im Kölner Rathaus. Erinnerungen an den Einsturz des Stadtarchivs vom März 2009 kamen auf. Damals starben zwei Menschen. Die Stadtspitze stellte einen Evakuierungsplan für Häuser und Hotels rund um den betroffenen Heumarkt auf und versetzte die Feuerwehr in Alarmbereitschaft. Eiligst prüfte ein Ingenieur die Wände auf ihre Standhaftigkeit. Das Ergebnis laut den Baufirmen: "Es gibt keine Probleme".

Dass die Stadtväter die Evakuierung absagten, hat noch andere Gründe. Zwar fehlen bis zu 5,6 Tonnen an Eisenbügeln – aber nicht in den fertig gegossenen Hauptwänden, sondern in Schlitzwänden, die nur während der Bauzeit die Baustellen sichern.

In fast allen Baugruben sind die Hauptwände schon fertig, nur am Heumarkt sind die Schlitzwände in der Grube noch zu sehen. Zudem machen die fehlenden Eisenteile laut Jochen Keysberg, dem technischen Geschäftsführer der Baufirmen, nur einen Anteil von etwa einem Prozent an der Gesamtbaumasse aus.

Trotzdem wollen Verkehrsbetriebe, Stadt und die Baufirmen in den nächsten Tagen weiter prüfen. Denn ein Szenario haben die Prüfingenieure noch nicht durchgespielt: extremes Hochwasser. Sollte der Rhein einen Pegelstand von mehr als vier Metern erreichen, ist ungewiss, was mit den Schlitzwänden passiert. "Wir gehen davon aus, dass auch bei Hochwasser keine Gefahr besteht", sagt Keysberg. Immerhin hätten die Wände auch in den letzten fünf Jahren nicht nachgegeben.

Auf die Baufirmen kommen dennoch Klagen und Schadensersatzforderungen zu. KVB-Vorstandsmitglied Walter Reinarz findet, sie hätten das Bauwerk nicht "ordnungsgemäß abgeliefert". Das könne zu Rückforderungen aus den Bauverträgen führen. Die Kölner Staatsanwaltschaft prüft ein Ermittlungsverfahren wegen Baugefährdung und Diebstahl.

Der Einsturz des Stadtarchivs ist damit noch lange nicht aufgeklärt. Denn die Techniker und Ermittler konnten die Unglücksstelle – fast ein Jahr danach – noch immer nicht untersuchen. Sie steht noch immer unter Wasser und ist zum Teil verschüttet. Die Staatsanwaltschaft jedoch sieht keinen Zusammenhang zwischen fehlenden Stahlbügeln und dem Einsturz des Archivs. "Wir schließen nichts aus, aber die bisherigen Erkenntnisse sprechen nicht dafür", sagt Oberstaatsanwalt Günther Feld. Selbst Mitarbeiter der Baufirma bezeichnen den Stahlpfusch als "Nebenkriegsschauplatz" bei der Aufklärung des Archiv-Einsturzes.  

Dennoch sorgen sich die Kölner Jecken jetzt. Denn der Rosenmontagszug führt über den Heumarkt. 200 Prunkwagen und 3500 Fußgruppen ziehen dann an der U-Bahn-Baustelle vorbei, Zehntausende Zuschauer werden dort unterwegs sein. Zugleiter Christoph Kuckelkorn vom Festkomitee Kölner Karneval will die Wagen dennoch nicht umleiten. "Man ist zwar angespannter als sonst", sagt er. "Aber wir haben Vertrauen in die Prüfergebnisse."

Quelle: ZEIT ONLINE

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