Phänomen aus den USA : Wie Berlin mit den Grusel-Clowns umgeht

Es werden immer mehr und es ist längst nicht mehr lustig: In Berlin endete eine Vorfall mit einem Grusel-Clown sogar tragisch. Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.

von , und Jule Peltzer, Carsten Jänicke
Humorlose Maskerade: Kurz vor Halloween nehmen die Vorfälle mit Horror-Clowns in Deutschland zu.
Humorlose Maskerade: Kurz vor Halloween nehmen die Vorfälle mit Horror-Clowns in Deutschland zu.Foto: dpa

Sie traten zuerst in den USA auf und sind vieles, nur nicht lustig: die Grusel-Clowns. Inzwischen ist das Phänomen auch nach Deutschland geschwappt, allein in Nordrhein-Westfalen wurden am Wochenende 86 Fälle gemeldet. Der NRW-Justizminister Thomas Kutschaty (SPD) droht mit Strafen: „Wer andere zu Tode erschreckt, ist nicht lustig!“ In Berlin-Lichterfelde endete nun das Angstmachen sogar tragisch – für den Grusel-Clown.

Was ist in Lichterfelde passiert?

Am Montagabend läuft im Berliner Ortsteil Lichterfelde ein Jugendlicher mit Clownsmaske und Hammer auf einige junge Leute zu. Ein 14-Jähriger zieht daraufhin ein Messer aus der Tasche und sticht dem Clown in den Oberkörper. Anschließend reißt er ihm die Maske ab und erkennt seinen Nachbarn. Bis die Feuerwehr und die Polizei eintrifft, leistet der 14-Jährige Erste Hilfe. Die Polizei nimmt ihn fest. Noch in der Nacht wurde der 14-Jährige nach der erkennungsdienstlichen Behandlung seinen Eltern übergeben. Gegen ihn wird ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung. Der Jugendliche ist bereits wegen Körperverletzung polizeibekannt. Ob sich der Jugendliche auf Notwehr oder Nothilfe berufen kann, muss die Justiz entscheiden. Der 16-Jährige wurde im Krankenhaus notoperiert. Er ist nicht in Lebensgefahr. In Berlin ist es die zweite Straftat, bei der eine Clownsmaske dabei war. In der Nacht zu Sonnabend hatten zwei als Clowns maskierte Personen versucht, einen Mann in Lichtenrade auszurauben.

Woher stammt das Phänomen?

Eigentlich kommt der Clown-Trend aus den USA – das Phänomen ist dort unter dem Namen „Creepy Clown“ bekannt und noch relativ neu. Erste Sichtungen der Horror-Clowns wurden dieses Jahr ab August 2016 gemeldet, doch auch schon früher gab es in den USA und auch in Frankreich Clowns, die andere Menschen erschreckten und sogar mit Waffen bedrohten. Der YouTube-Kanal „DmPranksProductions“ dürfte eine Mitschuld am ersten Aufkommen des Phänomens im Jahr 2014 haben, er produzierte ein Video, in dem ein Horror-Clown mit einem riesigen Hammer arglose Passanten erschreckt. Das Video wurde ein viraler Hit und löste eine Welle ähnlicher Clips aus, die in der Zeit um Halloween immer wieder entstehen. Ästhetische Vorbilder der Grusel-Clowns sind der Kinder ermordende „Pennywise“ aus Stephen Kings Horrorklassiker „Es“ und die Figur des „Jokers“ aus dem Batman-Film „The Dark Knight“.

Welche Rolle spielen die sozialen Medien?

Inzwischen kündigen in den sozialen Netzwerken weltweit Horror-Clowns an, Menschen zu erschrecken – oder Schlimmeres. Ihnen gegenüber steht inzwischen ein Anti-Clown-Lager, das in seiner Aggressivität den Clowns nicht nachsteht. Fast 9000 Interessenten hat eine deutsche Facebook-Veranstaltungsseite zur „Clown-Jagd“, auf der offen Gewalt angekündigt wird. Viele Clown-Sichtungen im Internet entpuppen sich als falsch. Die Organisation Mimikama hat allein für eine Webseite über 400 Fake-Einträge zum Thema Horror-Clowns gefunden.

Wer macht so etwas?

Häufig handele es sich um unreife Jugendliche oder sogar Kinder, die nicht zwischen Spaß und Ernst unterscheiden können, vermutet die Polizei. Oft sind es auch Menschen, die ein eher geringes Selbstwertgefühl haben, sagt die Direktorin der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Charité: „Es bereitet ihnen offenbar Vergnügen, plötzlich so viel Macht zu haben, einen anderen Menschen in Angst und Schrecken zu versetzen“, sagt Isabella Heuser. Sich hinter einem Kostüm zu verstecken, zeuge von Feigheit und erbärmlich sei es, wenn man die Panik der Opfer filme und ins Netz stelle.

Was hilft gegen die Angst?

Wichtig ist, sich klarzumachen, dass man derzeit einem solchen „Clown“ begegnen kann, sagt die Psychologin Isabella Heuser: „Dann hält sich das Erschrecken möglicherweise schon im Rahmen.“ Die Psychologin empfiehlt einfach weiterzugehen, und sich auf keinen Fall auf eine Konfrontation mit dem Clown einzulassen.

Die Polizei rät ebenfalls von Widerstand ab. Besser weglaufen. Und: Bloß nicht einen Clown provozieren. Gegen einen Angriff darf man sich wehren, aber mit Augenmaß. Ein Messer in die Tasche zu stecken, sei immer verkehrt.

Was können Polizei und Politik tun?

Das Berliner Polizeipräsidium warnt auf sozialen Netzwerken vor zu starken „Späßen“ durch Clowns: „Ein guter Spaß sollte da aufhören, wo jeweils andere nicht mehr darüber lachen können. Spätestens wenn es gefährlich oder sogar strafbar wird, hört er definitiv auf.“ Und die Polizei schrieb vor vier Tagen einen Satz, der genau auf den jüngsten Fall in Lichterfelde zutrifft: „Reaktionen aus Panik sind häufig unkontrolliert und schwer vorhersehbar, auch in den späteren Folgen für andere“. Die Polizei empfiehlt, das Thema nicht zu hoch zu hängen, um keine Nachahmer zu animieren.

Dürfen Clownsmasken getragen werden?

Strafrechtlich könnte das Erschrecken von Menschen mit Masken unter den Straftatbestand „Störung des öffentlichen Friedens durch Androhung von Straftaten“ fallen. Wer mit einer Grusel-Clownmaske auf der Straße herumlaufe, mache sich aber noch nicht strafbar, sagte ein hochrangiger Beamter im Polizeipräsidium. Dazu müsste ein bewusstes Ängstigen hinzukommen, zum Beispiel nachts aus dem Gebüsch zu springen, um Kinder oder Jugendliche zu erschrecken. Oder wer eine Waffe oder eine Motorsäge dabei hat und damit droht. Unterhalb des Strafrechts gibt es noch das Ordnungswidrigkeitengesetz, das in Paragraf 118 eine weiter gefasste „Belästigung“ kennt, erklärt der Berliner Polizeibeamte: In Paragraf 118 heißt es: „Ordnungswidrig handelt, wer eine grob ungehörige Handlung vornimmt, die geeignet ist, die Allgemeinheit zu belästigen oder zu gefährden und die öffentliche Ordnung zu beeinträchtigen.“ Allerdings kennen Juristen keinen Fall, in dem eine Clownsmaske als Verstoß gegen diesen Paragrafen gewertet wurde.

Wie reagiert der Handel?

Die Gruselmasken vor Halloween komplett aus dem Sortiment zu nehmen, davon halten einige Berliner Kostümhändler nichts: „Dann müsste man im Prinzip alle Kostüme aus dem Angebot nehmen“, sagt Manuela Pioch, Pressesprecherin von „maskworld.com“. Für sie ist nicht das Kostüm, sondern der Mensch dahinter verantwortlich: „Übermorgen ist es eine Scream-Maske oder ein Rotkäppchenkostüm, mit dem ein Mensch solche Taten begeht“, sagt Pioch. Mehr Umsatz aufgrund der Clown-Hysterie verzeichne der Laden allerdings auch nicht, im Gegenteil. Laut Pioch stornieren einige Kunden Gruselclown-Kostüme und wollen sie nicht mehr für Halloween nutzen. Beim Make-up-Shop „maske berlin“ hat die Geschäftsinhaberin Andrea Mayr beschlossen, keine Werbung mit Clowns vor Halloween zu betreiben. „Unsere Flyerverteiler werden wir nicht mehr als Horrorclown verkleidet auf Tour schicken“, sagte sie. Sie fürchtet, dass ihre Mitarbeiter angegriffen werden könnten. Das Warenhaus KaDeWe will nach Tagesspiegel-Informationen alle Clown-Masken und ähnliche Verkleidungen, beispielsweise Masken mit weißer Bemalung, komplett aus dem Verkauf zurückzuziehen.

Was ist zu Halloween zu erwarten?

Das Polizei-Präsidium empfiehlt, an Halloween auf Gruselmasken und Clownskostüme zu verzichten. „Man sollte das dieses Jahr auslassen. Da ist etwas hochgekocht“, sagte Polizeisprecher Thomas Neuendorf, „da kann etwas eskalieren.“ Kleine Kinder sollte man, wenn überhaupt, nur unter Aufsicht zu „Süßes oder Saures“ losziehen lassen. Persönlich gibt Neuendorf diesen Halloween-Tipp: „Ich würde darauf verzichten.“ Polizeilich ist allerdings kein Notstand zu befürchten, hieß es im Präsidium, die Zahl der nachts eingesetzten Beamten werde nicht erhöht. „Wir haben die Lage im Blick“, hieß es.

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