Physik : Wenn Teppiche fliegen könnten

In der britischen Fantasiewelt Harry Potters herrscht ein Einfuhrverbot für fliegende Teppiche - verhängt vom Zaubereiministerium. Ein indischer Wissenschaftler in Harvard forscht in der echten Welt dennoch zu dem Thema. Und glaubt an die Schwingung der Textilläufer.

Andreas Oswald

Fliegende Teppiche sind von alters her bekannt, in indischen Erzählungen, in den Märchen aus 1001 Nacht, und in der Neuzeit haben sie die Phantasie derart angeregt, dass Walt Disney – nicht ganz werktreu – Aladdin mit der schönen Tochter des Sultans auf einem fliegenden Teppich durch die Luft segeln ließ ("Aladdin und der König der Diebe", 1996).

Der in Harvard lehrende indische Physiker Lakshminarayanan Mahadevan ließ sich ebenfalls von den Geschichten seiner Ahnen inspirieren. Er behauptet, dass es fliegende Teppiche tatsächlich geben kann. Auch der Wissenschafts-Zirkus braucht Sensationen, und auch Mahadevan weiß, dass er mit einem Projekt besonders gut  Aufmerksamkeit erregen kann, wenn er dazu eine schöne Geschichte erzählen kann.

Mahadevan und sein Team hatten eigentlich etwas anderes untersucht: Wie sich Folien in Flüssigkeiten bewegen. Versetzt man eine Folie in Schwingungen, kann sie Auftrieb bekommen und sich vorwärts bewegen. Das Gleiche müsste auch in der Luft funktionieren, folgerte das Harvard-Team. Belegt haben sie das zwar nicht, aber das Gedankenexperiment ist schlüssig und nur schwer anzuzweifeln. Mehrere Forschungsmagazine haben jetzt über dieses Thema berichtet, "Nature“, "Science“ und die "Physical Review Letters". "Können Teppiche fliegen?", fragt das Magazin der Amerikanischen Physikalischen Gesellschaft. Die Forscher schreiben weiter: "Unsere Analyse umreißt einen Rahmen, in dem jemand diesen Traum realisieren könnte."

"Es ist keine reine Phantasie mehr", schreibt auch "Nature"-Autor Philip Ball.

Allerdings könne ein solcher Teppich nach den jetzigen Kenntnissen keine Menschen transportieren. Wobei Mahadevan das nicht grundsätzlich ausschließt. Allerdings sei dazu ein riesengroßer Motor notwendig, der eine ungeheure Energie verbrauchen würde.

Nach den Berechnungen Mahadevans und seiner Kollegen müsste eine bewegliche Folie – zehn Zentimeter lang und 0,1 Millimeter dick – mit einer Frequenz von zehn Hertz in Schwingungen versetzt werden.

Zwar würden die Gesetze der Physik es nicht verbieten, dass mit diesem Prinzip auch ein Teppich mit Menschen in der Luft gehalten wird, sagen sie, aber es wird wohl noch eine Weile lang Fantasie bleiben.

Auch die Forscher verweisen eine solche Vision "ins Reich des Magischen". Zumal das Experiment darauf beruht, dass die Schwingungen auf Widerstand treffen. Im Wasser reicht der Wasserdruck, in der Luft müsste es der Boden sein. Die Energie, die nötig wäre, um ausreichende Schwingungen zu erzeugen, die einen Teppich weit über dem Boden halten würde, wäre unermesslich.

Schon eher ist vorstellbar, dass etwa eine Folie ganz dicht über den Boden gleitet, dabei Schwingungen ausgesetzt ist und sich dadurch fortbewegt. Wellen erzeugen eine Luftströmung, diese erzeugt Druck, und der hebt die Folie an. Das ist im Grunde ein einfaches Gedankenprinzip, und es ist zu fragen, ob es irgendetwas wirklich Neues enthält.

Vielleicht belebt es nur eine Vision. Vielleicht sind eines Tages Materialien denkbar, die sich selbst in Schwingungen versetzen, indem sie thermische Unterschiede oder Unterschiede in der Luftfeuchtigkeit ausnutzen und sich plötzlich in Bewegung zu versetzen. Ausgeschlossen ist das nicht. Erfunden wurde eine solche Vorrichtung aber noch nicht.

Gesetzt den Fall, es gäbe eines Tages fliegende Teppiche, dann müssten in Großbritannien einige Gesetze geändert werden. Wer Harry Potter gelesen hat, weiß, dass das britische Zaubereiministerium ein Einfuhrverbot für fliegende Teppiche verhängt hat – sehr zum Missfallen der Teppichhändler aus den arabischen Ländern. Sie glauben, es gibt im britischen Fluggerätegeschäft eine Marktnische für Familienfahrzeuge. Fliegende Besen sind nur Ein-Personen-Beförderungsmittel.

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