Welt : Pilgerströme verlassen Rom

Rom kehrt zur Normalität zurück: Nach dem größten Papst-Begräbnis der Geschichte haben die meisten der rund drei Millionen Pilger Rom am Samstag wieder verlassen. Mittags öffnete der Petersdom erneut seine Pforten für Besucher. (09.04.2005, 16:41 Uhr)

Rom - Die letzte Ruhestätte von Johannes Paul II. in den Grotten unter der Kirche ist aber erst von der nächsten Woche an zu sehen. Neun Tage vor dem ersten Wahlgang für einen neuen Papst sind Forderungen nach einem Kurswechsel immer lauter geworden. Die große Mehrheit der Deutschen erwartet vom neuen Papst eine Abkehr von der bisherigen rigiden Sexualmoral. Das ergab eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Polis im Auftrag der Deutschen Presse-Agentur dpa.

Johannes Paul II. war am Freitag nach einer bewegenden Totenmesse auf dem Petersplatz zu Grabe getragen worden. Rund eine Million Menschen drängten sich dazu allein um den Vatikan, 200 Staatsgäste verfolgten die prunkvolle Zeremonie aus nächster Nähe.

Unmittelbar nach dem Requiem begann der reibungslose Abzug der Pilgerströme. Die meisten Menschen reisten wieder in ihre Heimat zurück. Riesige Zeltstädte in Rom wurden abgebaut, schon am frühen Samstagmorgen waren in den Straßen Reinigungskräfte im Einsatz. Wie ein Zeichen des Himmels, begann es zu regnen: «Der Himmel weint», sagte ein Römer.

Der Vatikan bedankte sich bei der italienischen Regierung und der Stadt Rom für den großen Einsatz zur Aufnahme der Pilger. Ministerpräsident Silvio Berlusconi sagte, er sei stolz darauf, wie die vielen Gläubigen aus aller Welt aufgenommen worden seien. Der Sicherheitsapparat habe funktioniert.

Die meisten Deutschen hoffen nun auf einen Reform-Papst: Nach der Polis-Umfrage sind mehr als drei Viertel (78 Prozent) der Deutschen für eine Abkehr vom Verbot der Schwangerschaftsverhütung. Fast genauso viele (76 Prozent) wünschen sich, dass der Nachfolger von Johannes Paul Kondome als Schutz vor Aids zulässt.

In der Befragung trat auch eine deutliche Mehrheit für eine Stärkung der Rolle der Frau innerhalb der katholischen Kirche ein. 77 Prozent der 1010 Befragten über 14 Jahren hoffen, dass der künftige Pontifex Priesterinnen zulassen wird. Das bestehende Ehe- und Sexualverbot für Priester halten 74 Prozent der Deutschen für nicht mehr zeitgemäß. Das Meinungsforschungsinstitut hatte vom 4. bis 6. April im Auftrag der dpa 1010 Menschen ab 14 Jahren telefonisch befragt.

Nach Überzeugung des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, des Mainzer Kardinals Karl Lehmann, gibt es bei der bevorstehenden Papstwahl keine eindeutigen Favoriten. Wahrscheinlich gebe es auch «keine fest gefügten Allianzen», sagte Lehmann der Mainzer «Allgemeinen Zeitung» (Samstagsausgabe). Der zukünftige Papst werde sich an Johannes Paul II. messen lassen müssen. Hautfarbe, Herkunft und manches andere, was derzeit diskutiert werde, spiele sicher eine geringe Rolle. Der neue Papst müsse sich durch «größtmögliche Offenheit und tiefes, entschiedenes Verwurzeltsein im Glauben» auszeichnen.

Die ökumenische Laienorganisation «Initiative Kirche von unten» verlangte eine Neuausrichtung des päpstlichen Amtes. In einer Erklärung zur anstehenden Papstwahl forderte sie vom neuen Oberhirten strukturelle Änderungen in der katholischen Kirche und stärkere ökumenische Impulse. «Die Reduktion des Papstamtes auf Unfehlbarkeit und Primat ließ die Kirche zu lange in konfessioneller Selbstzufriedenheit verharren», meinte Bundesgeschäftsführer Bernd Hans Göhrig.

Unterdessen hat in Rom das Zeremoniell der neuntägigen Trauer, das Novendiale, für Johannes Paul begonnen. Der italienische Kardinal Camillo Ruini rief die Römer zu einer Messe am Sonntagnachmittag in den Petersdom. Das Novendiale beginnt am Tag der Beerdigung. Jeden Tag wird dabei ein Gottesdienst im Petersdom zelebriert. Die Messen sind generell für alle Besucher offen, manchmal wird aber eine Pilgergruppe besonders erwähnt.

Im Vatikan tagten am Samstag erneut die Kardinäle. Zwei der weltweit 117 wahlberechtigten Purpurträger unter 80 Jahren können nicht am Konklave teilnehmen, sagte Vatikansprecher Joaquin Navarro- Valls nach der Zusammenkunft. (tso) (tso)

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