Welt : Pilgerstrom zum toten Papst

Rom bereitet sich auf das größte Papst-Begräbnis der Geschichte vor. Begleitet von strengen Sicherheitsmaßnahmen erwiesen bereits am Dienstag fast eine halbe Million Menschen Johannes Paul II. die letzte Ehre. (05.04.2005, 22:59 Uhr)

Rom - Vor dem Petersdom, wo der Papst aufgebahrt ist, bildeten sich kilometerlange Menschenschlangen. Den Ausnahmezustand erwarten die italienischen Behörden am Freitag, wenn 200 Staatsgäste aus aller Welt und mindestens zwei Millionen Pilger zur Beisetzung in Rom sind. «Es handelt sich um ein Ereignis, bei dem es unweigerlich zu kritischen Augenblicken kommen wird», meinte ein Verantwortlicher für die Sicherheitslage.

Bei der anstehenden Papstwahl gibt es indessen eine wichtige Neuerung: Die Kardinäle können sich diesmal innerhalb des gesamten Kirchenstaates bewegen, gab der päpstliche Zeremonienmeister bekannt. «Dies ist eine ganz neue Erfahrung», sagte Bischof Piero Marini. Früher durften sich die Kardinäle praktisch nur in der Sixtinischen Kapelle und in ihrer Unterkunft bewegen. Allerdings sollen die 117 wahlberechtigten Purpurträger unter 80 Jahre weiterhin keinerlei Kontakt zur Außenwelt haben, wurde betont. Ein Datum für das Konklave steht noch nicht fest. Auch ein Testament des Papstes wurde noch nicht geöffnet.

Bei einer nationalen Trauermesse in Warschau nahmen am Dienstag knapp 300 000 Polen Abschied von dem aus Polen stammenden Papst. Kardinal Jozef Glemp, der Primas der katholischen Kirche Polens, sagte in seiner Predigt: «Wir wollen an den größten aller Polen erinnern, indem wir sein Leben nachahmen». Johannes Paul habe die Welt, die Menschen und Christus geliebt, doch die Befolgung seiner Lehre sei oft auf einen späteren Zeitpunkt verschoben worden.

Rom erlebte bereits am Dienstag eine Völkerwanderung: Aus ganz Europa strömten Pilger und Touristen herbei. Sie mussten viele Stunden ausharren, ehe sie vor den Leichnam im Petersdom treten konnten. Die italienischen Behörden errechneten, in einer Stunde würden über 20 000 Menschen am Katafalk vorbeigehen. Die Peterskirche bleibt bis zur Beisetzung am Freitag praktisch rund um die Uhr geöffnet. Sie wird nur nachts kurz zur Reinigung geschlossen.

"Alarmstufe 1"

Für die Beisetzungsfeierlichkeiten am Freitag, die um 10.00 Uhr beginnen, herrscht «Alarmstufe eins»: Die italienischen Behörden mobilisieren mindestens 15 000 Sicherheitskräfte, der Luftraum über Rom wird größtenteils gesperrt, Flugabwehrraketen sind in Position gebracht. Vor allem die Anwesenheit von US-Präsident George W. Bush bereitet Kopfzerbrechen: Bei Bushs kürzlichem Besuch in Mainz wurde zum Ärger der Anwohner das halbe Rhein-Main-Gebiet lahm gelegt. Bei der Zeremonie auf dem Petersplatz werden Hunderttausende Gläubige erwartet - ein Albtraum für Sicherheitsbeamte.

Unter den Gästen sind UN-Generalsekretär Kofi Annan, Bundespräsident Horst Köhler und Bundeskanzler Gerhard Schröder. Auch der kubanische Staatschef Fidel Castro hat sich angesagt. Die Totenmesse und die Beerdigungsfeierlichkeiten werden vom deutschen Kurienkardinal Joseph Ratzinger geleitet. Auf dem Petersplatz wird der Sarg des Papstes stehen, der unmittelbar danach von wenigen hohen Kuriengeistlichen in den Petersdom und anschließend in die Grotten gebracht wird.

Dort wird der dreiwandige Sarg aus Zink sowie aus Zypressen- und Nussbaumholz am früheren Platz von Papst Johannes XXIII., der seit 2001 in einem gläsernen Sarg im Petersdom liegt, in die Erde gelassen. Johannes Paul werden unter anderem eine Eisenhülle mit seinen Lebensdaten in lateinischer Sprache sowie ein Säckchen mit Silber- und Bronzemünzen in den Sarg gelegt. In der Krypta unter dem Petersdom ist nach kirchlicher Überlieferung der Apostel Petrus begraben, der erste Papst der katholischen Kirche.

In Rom sind bereits viele der 117 Kardinäle unter 80 Jahren eingetroffen, die an dem Konklave teilnehmen. Es wird erwartet, dass in den kommenden Tagen der Beginn des uralten Rituals bekanntgegeben wird. Das Konklave kann frühestens 15 Tage nach dem Papsttod, also am 17. April, zusammentreten. Es muss aber spätestens 20 Tage nach dem Tod beginnen. Dabei sollten alle wahlberechtigten Kardinäle aus der ganzen Welt anwesend sein. Auch diesmal werde es wieder weißen Rauch als Zeichen einer geglückten Wahl geben, zusätzlich werde eine Glocke geläutet, gab der päpstliche Zeremonienmeister bekannt.

Mittwoch: Trauermesse in Deutschland

Die Europäische Kommission setzt die Flaggen am Tag der Beerdigung des Papstes auf Halbmast, entschied Kommissionspräsident José Manuel Barroso. Der UN-Sicherheitsrat hatte den Papst am Montagabend mit einer Schweigeminute geehrt.

Zur zentralen Trauermesse in Deutschland werden an diesem Mittwoch Schröder und sein Kabinett erwartet. Den Gottesdienst leiten unter anderen Kardinal Karl Lehmann, der Vorsitzende der deutschen Bischofskonferenz, und der Berliner Erzbischof Kardinal Georg Sterzinsky. Die Berliner Katholiken nahmen bereits am Dienstagabend mit einem Trauergottesdienst in der St. Hedwigs-Kathedrale Abschied von Johannes Paul. Der Kirchenkritiker Eugen Drewermann beanstandete unterdessen Art und Umfang der Beisetzungsfeierlichkeiten. (tso) (tso)

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