Piratenserie Teil I : Mythos und Wirklichkeit der Piraten

Ein Wort hat Hochkonjunktur: Piraten. Sie gelten als Traumfiguren des freien Lebens. Und waren in Wirklichkeit gemeine Verbrecher. Wie kam es zu dieser Umwertung?

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Wie im Film. "Fluch der Karibik 2" mit Johnny Depp.
Wie im Film. "Fluch der Karibik 2" mit Johnny Depp.Foto: Topham Picturepoint / Keystone

Der Pirat, das weiß jeder, trägt eine schwarze Augenklappe, zweitens ein Kopftuch, drittens ein Holzbein, viertens einen Säbel und fünftens zerlumpte Kleidung. Unsinn, sagt Hartmut Roder, der Pirat trägt Nadelstreifen. Und dabei blickt er streng durch seine Halbbrille.

Ach? Nadelstreifen? Das muss erklärt werden.

Gerne. Aber erst später.

Zweiter Versuch: Der Pirat ist die Traumfigur der Freiheit, Inbegriff des ungebundenen Lebens, Gegenbild zum Bourgeois, zum Spießer. Abenteurer, Rebell, Visionär des Andersseins. Unsinn, sagt Hartmut Roder, der Pirat ist ein Verbrecher, ein Mörder, Dieb, Räuber, Betrüger, Erpresser, Vergewaltiger. Und den Brillenblick aus seinen blauen Augen streift jetzt ein Zorn.

Hartmut Roder ist ein Spezialist der Seeräuberei, einer von Deutschlands Oberpiraten. Nein, keineswegs einer von jener Partei, die seit einigen Monaten die Landtage entert, Gottbewahre, mit denen will er nichts zu tun haben, und der Zorn nimmt an Schärfe zu. Weil sich diese Politpiraten, bitte schön, mal um die echten Probleme kümmern mögen, um die soziale Schieflage auf dieser Welt und in diesem Land. „20 Prozent sind in Leichtlohngruppen! Stattdessen geht es dieser Piratenpartei um Stilfragen!“ Nicht mit ihm.

Ein Oberpirat ist er trotzdem. Weil er die Hälfte seines 60-jährigen Lebens der Wirtschaftsgeschichte gewidmet hat. Und wer sich damit beschäftigt, der kommt um die Seeräuberei nicht herum. Das wusste schon Mephisto in Goethes „Faust“: „Krieg, Handel und Piraterie/Dreieinig sind sie, nicht zu trennen.“ Also ist der Wirtschaftshistoriker Roder zwangsläufig auch ein Piratenhistoriker geworden, hat Bücher darüber geschrieben und am Überseemuseum in Bremen, wo er arbeitet, eine Piratenausstellung organisiert. Er hält Vorträge, geht auf Reisen mit seinem Expertentum. Oberpirat also, auch wenn er so gar nichts Piratenhaftes an sich hat mit seinem blauen Polo-Shirt, dem Sakko und den graumelierten Haaren. Hartmut Roder ist ein passiver Pirat.

Und als solcher eine Art Wissensautomat: Frage einwerfen, Antwort kommt prompt. Was sehr nützlich ist in diesen Zeiten, da das Wort „Piraten“ so gegenwärtig wie nie geworden ist. Aber auch, weil ein Rätsel zu lösen ist: Wie kann es nur sein, dass der Pirat, dieses Inbild des Verbrechers, als durch und durch positive Figur gilt? Wie ist dieser Mythos entstanden, wie konnte er eine Wirklichkeit entstellen, in der Tausende ein elendes Leben führten und am Galgen ihr Leben ließen? Wieso nennt sich eine Partei nach einer kriminellen Bande? Wieso kreieren Modelabels den „Pirate-Style“ mit dicken Gürteln und schwarzen Hemden? Wieso ist der Pirat die beliebteste Karnevalsmaskerade (zumindest für Jungen)? Wieso ist Pippi Langstrumpf stolz auf ihren Vater, den Seeräuber-Kapitän? Wieso erzielen Piratenfilme Rekordbesuche?

Hartmut Roder hat für diese Fragen ziemlich entschiedene Antworten. Und er beginnt nun in seinem Büro im Überseemuseum eine Geschichtsstunde, wie man sie sich in frühen Gymnasiumszeiten immer gewünscht hat. Weniger deshalb, weil er offenbar alle Geschichtszahlen auswendig kann, viel mehr noch, weil seine Erzählungen von einem solchen Furor getrieben sind, dass man glauben möchte, man steckte selbst mittendrin in der Geschichte.

Also nun schnell zu jenen Anfängen, in denen Geschichte erstmals geschrieben wurde. Herodot, der Grieche, oder Homer – egal, wohin es die Dichtung verschlug, der Pirat war schon da. Und selbstverständlich kommt das Wort auch aus dem Griechischen: „peiran“ heißt anpacken, angreifen. „Das zweitälteste Gewerbe der Welt“, sagt Hartmut Roder. Nicht ohne Grund: Die Unendlichkeit der sieben Meere, die schon in der Antike so hießen, als die Erde noch eine Scheibe war, die war schließlich – so paradox das auch scheinen mag – das heimlichste Versteck. Kein Landrecht eines Staates, unbekümmerte Wildnis. Kein Polizist, kein Richter und kein Henker. Und somit leichtes Spiel: herangerauscht mit schnellen Segeln, die Enterhaken ausgeworfen aufs schwer beladene, träge Handelsschiff, die Reling gestürmt, die Mannschaft niedergemacht und den Kapitän sowieso. Und dann hinunter in den Bauch des erbeuteten Schiffes, die Schätze zu heben, die da lagern.

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