Piratenüberfälle : Der den Seeräubern trotzt

Wilhelm Probst weiß, wie man sich vor Piraten schützt. Er hat die Jacht eines Milliardärs durch den Golf von Aden geführt.

Frank Bachner

Die Segeljacht der Deutschen ist Nummer 37. Insgesamt 37 Boote sind seit Januar im Golf von Aden von Piraten überfallen worden, Wilhelm Probst hat sie alle in seinem Computer dokumentiert. Diesmal sollen Piraten und Fischer zusammengearbeitet haben, die Deutschen sind jetzt irgendwo im Bergland der halbautonomen Region Puntland. Die Entführer haben schon gesagt, dass sie Lösegeld wollen.

In seinem Büro in Fredenbeck bei Stade hat Probst alle verfügbaren Einzelheiten schon in seinen „Global Maritime Threat Report“ aufgenommen, eine weltweite Übersicht über alle Vorfälle mit Piraten. Probst dokumentiert alle Vorkommnisse, „aber der Golf von Aden“, sagt er, „ist am meisten von Piraten verseucht“. Er hat ein großflächiges Informanten- und Informationsnetz.

Wer wissen will, wie man sich gegen Piratenüberfälle schützt, wer die verhältnismäßig sichersten Routen erfahren möchte, wer wissen möchte, wo in letzter Zeit am meisten Überfälle waren, der wendet sich an den 50-Jährigen. Probst ist mit seinem Unternehmen „Staff Maritim Probst“ (probst@staff-maritim.de) der einzige Anti-Piraterie-Experte in Deutschland, er gilt als einer der wenigen seriösen weltweit. Ein Mann mit kurz geschnittenen grauen Haare, der 17 Jahre Kampfschwimmer bei der Marine war. Ein Profi.

Seine Kunden erhalten den „Threat Report“ und Routenanalysen wöchentlich oder halbjährlich, nach Vorfällen wie jetzt, aber auch aktuell. Vor allem die Segler unter den Kunden erinnert er zugleich an die ganzen Vorsichtsmaßnahmen. Kein Funkverkehr, kein Ankern an der Küste, keine Infos über die Route an Fremde beim Auftanken im Hafen zum Beispiel.

Probst kennt die Arbeitsweise von Piraten, er sitzt ja nicht bloß am Computer in Fredenbeck. Vor einem Jahr hatte ihn ein ausländischer Milliardär engagiert. Probst begleitete die 60-Meter-Luxusjacht der Familie des Eigners auf einer Tour vom Mittelmeer zu den Malediven und zurück. Sie fuhren im gleichen Gebiet, in dem jetzt das Segelboot gekapert wurde. Probst hat ein Team mitgebracht, vier ehemalige Kampfschwimmer sorgten nun für die Sicherheit. „Bei einem kleinen Segelboot ist es nicht üblich, einen Experte wie mich an Bord zu holen“, sagt er. Aber die Jacht des Milliardärs kostete 50 Millionen Dollar und hatte 13 Mann Besatzung, das ist etwas anderes. „Vier Mann reichen aus“, sagt Probst. Zu ihrer Ausrüstung gehören 10 000 Euro teure Nachtsichtgeräte, Ferngläser und Entfernungsmesser. Das gibt er offiziell zu. Was er im Ernstfall sonst noch einsetzen könnte, sagt er nicht. Nur so viel: „Wir können uns wehren.“ Was er dazu braucht, war schon an Bord, als er mit seinen Leuten eintraf.

In Port Said, an einer Pier des Hafens, spürte er zum ersten Mal Gefahr. Es war Nacht, der Hafen menschenleer, nur zwei Leute standen an einer Pier. Einer der Fremden hatte eine Plastiktüte in seiner Hand. Ein Geschenk für den Kapitän, sagte er. Er müsse es ihm persönlich überreichen. Und plötzlich Fragen: Wie viele Leute sind an Bord? Wo fahrt ihr hin? Sind Sicherheitsleute an Bord? Probst wimmelte ihn ab.

Der zweite Mann versuchte zur gleichen Zeit, hinter Probsts Rücken über die Reling an Bord zu klettern. Da löste sich auf dem Schiff ein Mann aus dem Schatten, Probsts Kollege. Er drängte den Fremden zurück.

„Eine typische Situation“, sagt Probst. „Piraten versuchen immer, ein Schiff auszuspähen, bevor sie dann auf hoher See angreifen.“ Die Observation kann von Land aus, aber auch auf hoher See passieren, durch Boote von Einheimischen zum Beispiel. Die schippern dann scheinbar harmlos vorbei.

Südlich von Aden hatte die Jacht wieder Kontakt mit einem verdächtigen Boot. Ein Fischkutter folgte der Jacht, 20 Stunden lang. Probst erkannte, dass die Jacht beobachtet wurde. Er alarmierte sofort seine Leute. Die postierten sich jetzt so, dass sie sofort erkannt wurden. Der Kutter drehte ab. Er hätte auch eine Sichtblende sein können. Schon häufig rasten hinter einem Mutterschiff plötzlich Speedboote mit Schwerbewaffneten auf ein Schiff zu. Diesmal passierte nichts, und der Sicherheitsoffizier des Milliardärs meldete sich nach dem Trip mit einer E-Mail: „Sehr gut, dass wir Sie und Ihre Leute an Bord hatten“, schrieb er. Den Sicherheitsoffizier beliefert Probst bis heute regelmäßig mit seinem „Threat Report“ und Routenanalysen.

Hätten im Golf von Aden allerdings dennoch Piraten die Jacht geentert, dann hätte Probst ausnahmsweise sogar auf ein Besatzungsmitglied zugreifen können. An Bord war auch ein Steward mit Vorgeschichte: Der durchtrainierte Servicemann war früher australischer Meister im Taekwondo.

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