Piraterie vor Somalia : Mit Lärm und Hitze gegen die Seeräuber

Die Sirius Star gilt als einer der größten Tanker der Welt – doch selbst das moderne Riesenschiff hatte gegen die Piraten keine Chance. Täglich werden Handelsschiffe angegriffen. Manche Reeder rüsten auf und setzen auf Hightech: Schallkanonen und Mikrowellen-Waffen sollen Seeräuber vertreiben.

Hauke Friederichs
Maersk Piraten fragen Foto: dpa
Die Maersk Alabama war gekapert worden. Tagelang wurde der Kapitän von den Piraten als Geisel gehalten. -Foto: dpa

Somalische Seeräuber überfielen die Sirius Star mit rund zwei Millionen Barrel Rohöl an Bord Ende vergangenen Jahres. Wochen später kam der Tanker gegen eine Lösegeldzahlung von 2,2 Millionen US-Dollar frei.

Weltweit suchen Reeder nach Methoden, wie Piraten von Überfällen abgehalten werden können. 18 Schiffe und 320 Seeleute haben die somalischen Seeräuber in ihrer Gewalt. Trotz des hohen Risikos lassen die Reeder ihre Schiffe weiter an der ostafrikanischen Küste entlangfahren, denn dort verläuft eine der wichtigsten Handelsrouten, die den Indischen Ozean über den Golf von Aden und den Suezkanal mit dem Mittelmeer verbindet. Doch für die Sicherheit des Schiffsverkehrs vor der Küste Ostafrikas kann zurzeit niemand garantieren.

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Die Nato, die EU, Russland und andere Staaten haben zwar Kriegsschiffe zum Horn von Afrika entsandt. Doch die wenigen Marineeinheiten müssen ein riesiges und stark befahrenes Gebiet überwachen. Viele Schiffseigner versuchen deswegen, ihre Frachter selber zu schützen – getreu dem alten Seemannsmotto "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott".  Sie heuern Söldner an oder installieren technische Sicherheitsanlagen.

Schusswaffen sind dabei allerdings nicht unbedingt das beste Mittel: Als Piraten in dieser Woche das italienische Kreuzfahrtschiff MS Melody angriffen, schossen Sicherheitsleute mit Pistolen und Wasserspritzen auf die Angreifer und vertrieben sie. Doch auch die Piraten feuerten aus Maschinenpistolen, Passagiere entdeckten später zahlreiche Einschusslöcher in der Bordwand. Der Kapitän des Luxusliners sagte, er habe sich wie im Krieg gefühlt.

Viele Schiffseigner setzen darum auf Waffen, die Angreifer zwar ausschalten, aber nicht töten. So wollen sie verhindern, dass die Gewaltspirale sich immer schneller dreht und sie für mögliche Todesopfer verantwortlich gemacht werden. Unter anderem experimentieren die Reeder mit Schallkanonen: Diese Waffen feuern Töne von 2100 bis 3100 Hertz mit einem Schalldruckpegel von 150 Dezibel ab. Die sehr schrillen und lauten Töne erzeugen einen äußerst schmerzhaften Schallstoß. Wer getroffen wird, dem wird übel oder er verliert das Bewusstsein. Kreuzfahrtschiffe wie die Queen Mary 2 sollen mit solchen Frequenzkanonen ausgestattet sein. Auch die Bremer Reederei Beluga probiert diese Waffe auf einigen Schiffen aus.

Inzwischen haben Rüstungskonzerne das Geschäft mit den Reedern entdeckt. So preist die US-Firma Raytheon Mikrowellenwaffen an. Sie senden mit einer Frequenz von 95 Gigahertz Hitzestrahlen aus, die die Haut des Gegners auf 55 Grad Celsius erhitzen. Der brennende Schmerz, den diese Kanone erzeugt, soll sich angeblich so anfühlen, als habe man auf eine Herdplatte gefasst. Es entstehe kein nachhaltiger Gesundheitsschaden, verspricht der Hersteller.

Auch die Abwehr von kleinen Booten mit Wasserfontänen aus großen Schläuchen empfehlen manche Sicherheitsexperten. Angreifer, die an Bord klettern, könnten so ins Meer gespült werden. Neben normalen Schläuchen an Bord, die zur Brandbekämpfung oder  zur Reinigung des Oberdecks verwendet werden, können zusätzlich Wasserwerfer an Bord installiert werden, wie die Polizei sie gegen gewalttätige Demonstranten einsetzt.

Eine passive Schutzmethode, die auf einigen Schiffen zum Einsatz kommt, sind elektrische Gitter, an die bis zu 9000 Volt Spannung angelegt wird. Mit ihnen können Außenwände und Brücke geschützt werden – die Piraten können nicht an Bord klettern oder die Brücke stürmen, um Kapitän und Mannschaft als Geiseln zu nehmen. Diese Abwehrmethode wird vom International Maritime Bureau, einer Abteilung des Internationalen Handelskammer, empfohlen.

Doch nicht nur die Reeder, auch die Piraten rüsten auf. Einen Teil der erpressten Summen investierten sie in neue Technik und Waffen. Die sind in Somalia billig, eine AK-47, das Sturmgewehr der Marke Kalaschnikow, kostet meist unter 50 Dollar. Die modernen Piraten sind außerdem mit Panzerfäusten und Granatwerfern bewaffnet. Ihre Schnellboote haben die Seeräuber mit GPS-Technologie, Satellitentelefonen und leistungsstarken Außenbordmotoren ausgestattet.

Das Wettrüsten macht der Marine und Handelsorganisationen Sorgen. Der deutsche und der dänische Reederverband warnen mittlerweile davor, Handelsschiffe zu bewaffnen. Dies sei mit internationalem Recht nicht vereinbar und provoziere die Seeräuber nur. Somalische Piraten hätten in der Vergangenheit fliehende Schiffe mit Raketen und Granaten beschossen. Bei Gegenwehr könnten sie ein Schiff versenken, befürchten Experten. "In dem Maße, in dem sich die Sicherheit des Schiffes erhöht, erhöht sich auch die Gefahr für die Crew, die das Schiff verteidigt", warnt auch die Bundeswehr. (ZEIT ONLINE)



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