Pistorius-Fahnder abgesetzt : Mordermittler unter Mordverdacht

Hilton Botha war bisher Cheffahnder im Fall Pistorius – er hat aber selbst auf sieben Menschen geschossen. Südafrika ist das Land mit der höchsten Kriminalitätsrate auf der Welt. Die Polizei greift rigoros durch.

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Als Pistorius-Ermittler abgesetzt. Hilton Botha, südafrikanischer Polizeioffizier.
Als Pistorius-Ermittler abgesetzt. Hilton Botha, südafrikanischer Polizeioffizier.Foto: AFP

Noch am Vortag hatte Hilton Botha in dem sensationellen Verfahren gegen den Sprintstar Oscar Pistorius seinen großen Auftritt gehabt. Vor den Augen der Weltpresse hatte der Chefermittler den Angeklagten schwer belastet.

Jetzt werden gegen ihn selbst Mordermittlungen geführt. Er und zwei weitere Polizisten werden bezichtigt, im Oktober 2011 Schüsse auf einen Minivan abgegeben zu haben, in dem sieben Personen saßen. Deshalb wird gegen ihn und die Polizisten wegen siebenfachen Mordversuchs ermittelt. Angeblich hatten die drei Polizisten damals versucht, das Lastentaxi ohne Erfolg anzuhalten und auf das davonrasende Fahrzeug geschossen.

Das kommt in Südafrika immer wieder vor. Polizeistatistiken zufolge wurden 2010 insgesamt 566 Menschen von der Polizei erschossen, die meisten als Verdächtige im Zuge ihrer Festnahme; weitere 294 starben in Polizeigewahrsam. Südafrika hat eine der weltweit höchsten Raten von Erschießungen durch die Polizei. Allerdings werden derzeit auch jedes Jahr etwa 100 Polizisten in Ausübung ihres Dienstes ermordet. In den 90er-Jahren kamen über 200 Polizisten im Jahr im Dienst um Leben.

Südafrika ist das Land mit der höchsten Verbrechensrate auf der Welt. Gewaltverbrechen, Morde und Vergewaltigungen gehören zu den schwerwiegendsten Problemen des Landes. Statistisch wird jede zweite Frau einmal in ihrem Leben vergewaltigt. In einer Umfrage gaben 27,6 Prozent der Männer offen zu, schon einmal vergewaltigt zu haben. Die Polizei hat ihrerseits aufgerüstet und geht in brutaler Weise gegen Verbrecher vor, was zu einem langsamen Absinken der Kriminalitätsraten führt.

Bei den Minivans, von denen im Zusammenhang mit Chefermittler Botha die Rede ist, handelt es sich nicht um normale Taxen, sondern um große Minibusse, die als eine Art Sammeltaxi zumeist zwischen Stadt und schwarzem Township pendeln. Mit einem Umsatz von fast zwei Milliarden Euro sind diese Taxis heute eine der größten schwarzen Industrien am Kap. Allerdings hat ihre Erfolgsgeschichte auch dunkle Seiten. Neben den blutigen Rivalitäten um die lukrativsten Routen, den Taxikriegen, haben das extrem rüpelhafte Verhalten der Fahrer und die fehlende Verkehrstauglichkeit vieler Taxen die Branche landesweit in Verruf gebracht – und zu einem harten Vorgehen der Polizei geführt.

Botha selbst scheint von dem Mordvorwurf völlig verblüfft zu sein. Nach eigenen Angaben hatte er geglaubt, dass das gegen ihn eröffnete Verfahren längst eingestellt worden sei. Allerdings wurde das Verfahren gegen ihn wohl vor kurzem neu eröffnet, womöglich in Zusammenhang mit dem Prozess gegen Pistorius.

Am Donnerstag wurde Hilton Botha als Chefermittler im Fall Pistorius abgesetzt. Als Begründung wurden die Mordermittlungen gegen ihn angeführt. Für die Staatsanwaltschaft dürfte Botha jedenfalls ein viel zu großes Risiko für eine erfolgreiche Verurteilung von Pistorius wegen Mordes gewesen sein, zumal die Verteidigung Bothas Glaubwürdigkeit durch den Verweis auf den siebenfachen Mordvorwurf bereits massiv unterhöhlt hatte. Auch hätte sich der Chefermittler womöglich parallel zu dem Verfahren gegen Pistorius gerichtlich gegen die nun ihm gemachten Vorwürfe zur Wehr setzen müssen, was einen Gutteil seiner Energien gebunden hätte.

In gewisser Weise steht Botha stellvertretend für den beklagenswerten Zustand der südafrikanischen Polizei, die inzwischen als weitgehend ineffizient und oft korrupt gilt. Hochrangige Polizeioffiziere haben eingeräumt, dass viele neue Rekruten einen schlechten Ausbildungsstandard haben und die Polizei deshalb nicht adäquat auf ihre Aufgaben vorbereitet sei. Bezeichnenderweise wurden die beiden letzten südafrikanischen Polizeichefs unehrenhaft entlassen: Jackie Selebi, der einige Zeit Chef von Interpol war, wurde wegen Korruption zu 15 Jahren Haft verurteilt. Sein Nachfolger Bheki Cele war in dubiose Immobiliengeschäfte verstrickt und forderte die Polizei ausdrücklich zu einem viel härteren Vorgehen gegen Kriminelle auf, wodurch sich die Zahl der von der Polizei Erschossenen binnen sechs Jahren fast verdoppelte. Die im letzten Jahr neu ernannte Polizeichefin Riah Phiyega ist Geschäftsfrau und hat keine Polizeierfahrung. Es war eine politische Ernennung.

Sie war es, die gestern Hilton Botha als Chefermittler im Fall Pistorius absetzte.

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