Welt : Pleiten treiben Japans Manager in den Tod

PIERRE ANTOINE DONNET (AFP)

Selbstmord zur Wahrung der eigenen Ehre ist in der Gesellschaft noch immer fest verankertVON PIERRE ANTOINE DONNET (AFP) TOKIO.Als Tadasuke Saito am Freitag in seiner Villa im Nordosten Tokios gefunden wurde, bot sich ein Bild des Grauens.Der Präsident einer Druckerei hatte sich erhängt, nachdem er seine Frau erwürgt hatte."Ich bin völlig überschuldet.Ich werde sterben, nachdem ich meine Frau getötet habe", hieß es in seinem Abschiedsbrief der 63jährigen.Der Fall Saito ist die traurige Fortsetzung einer makabren Serie: Firmenzusammenbrüche oder Bestechungsskandale trieben in den vergangenen Monaten zahlreiche Manager und leitende Angestellte in Japan in den Selbstmord.Einen Tag vor Saito hatte sich ein stellvertretender Abteilungsleiter des japanischen Finanzministeriums das Leben genommen.Yoshio Sugiyama war 46 Jahre alt.Geldsorgen waren nicht der Grund für seine Tat.Er hatte sich wiederholt von Firmenvertretern zu exquisiten Abendessen einladen lassen und sich so dem Verdacht der Korruptheit ausgesetzt.In Japan gilt der Selbstmord nicht als Schande - im Gegenteil: In der Geschichte wurde er oft als Zeichen der Loyalität gegenüber einem Herrscher, einem Samurai-Krieger oder der Gesellschaft angesehen.Berühmt wurden vor allem die Kamikaze-Angriffe (wörtlich: "Göttlicher Wind") während des Zweiten Weltkriegs.Piloten der kaiserlichen Luftwaffe stürzten sich mit ihren Flugzeugen ohne Rücksicht auf ihr Leben auf US-Kriegsschiffe im Pazifischen Ozean.Ihr Tod zeichnete sie als ergebene Diener ihres Landes aus.Auch das Harakiri, das Bauchaufschneiden, galt der Wahrung der eigenen Ehre.Es gibt zwei Hauptgründe, warum sich japanische Manager gerade in der gegenwärigen Krise vermehrt das Leben nehmen: Geldprobleme und Bestechungsvorwürfe.Ruinierte Geschäftsleute fühlten sich nicht mehr in der Lage, gegenüber ihren Angestellten die Verantwortung für die Misere auf sich zu nehmen, erklärt die Tokioter Soziologieprofessorin Shoji Miyajima.So etwa im Fall des 51jährigen Firmenchefs Masaaki Kobayashi, der bis zum Hals in Schulden steckte.Als er sich erhängte, weil er keinen anderen Ausweg mehr sah, erwähnte er in seinem Abschiedsbrief eine Lebensversicherung über umgerechnet etwa 5,6 Millionen Mark.Damit könne sein Firma wieder auf eine solide Basis kommen - so seine letzte Hoffnung.Am selben Tag erhängten sich dort nur wenige Zimmer entfernt noch zwei weitere Unternehmer.Leitende Verwaltungsbeamte unter Korruptionsverdacht handeln aus einem anderen Motiv heraus.Sie bilden die Elite der Nation, haben im Japan der Nachkriegszeit die Macht in Händen.Doch plötzlich ist ihr Ansehen auf einen Schlag dahin, weil sie der Bestechlichkeit beschuldigt werden.Der Schock des Gesichtsverlustes sei für sie unerträglich, sagt Miyajima."In einem Land, wo die soziale Kontrolle so hoch ist wie in Japan, erholt man sich von solch einer Schande nicht mehr." Der Tod werde so zur Befreiung von der Last.Takashi Moriyama sieht das ähnlich.Der frühere Spitzenmann einer internationalen Organisation und Auslandsvertreter eines japanischen Elektrokonzerns fürchtet, daß angesichts der Wirtschaftskrise noch mehr Menschen im Selbstmord den einzigen Ausweg sehen werden.Dabei kann nach Ansicht von Moriyama auch die alte Tradition der Loyalität durchaus noch eine Rolle spielen."Sterben heißt auch, keine peinlichen Enthüllungen über Vorgesetzte machen zu müssen."

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