Podcast "Serial" : US-Soldat Bowe Bergdahl bricht sein Schweigen

Der US-Soldat Bowe Bergdahl hatte sich in die Hände der Taliban begeben. Erstmals spricht er über seine Motive – im Podcast „Serial“, der viele Millionen jüngere Nutzer hat.

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Verräter oder Held? Bowe Bergdahl, Obergefreiter der US-Armee.
Verräter oder Held? Bowe Bergdahl, Obergefreiter der US-Armee.Foto: REUTERS

Im Juni 2009 verließ der US-Soldat Bowe Bergdahl seinen Posten in einem US-Stützpunkt in Afghanistan und wurde von den Taliban gefangen genommen. Fünf Jahre lang war er in ihrer Gefangenschaft, bis US-Präsident Barack Obama im Tausch für seine Freiheit 2014 fünf Taliban aus der Haft in Guantanamo entließ. Schon wenige Stunden nach Bergdahls Befreiung begannen die öffentlichen Diskussionen darüber, ob er ein Verräter oder ein Held sei.

Bislang hat sich Bergdahl noch nie öffentlich geäußert, jetzt hört man erstmals seine Sicht der Dinge. Das Erstaunliche ist, dass er sich in einem Podcast äußert, eine Art Radiosendung, die man sich im Internet herunterladen kann. Die Podcast- Sendung, in der er sich äußert, heißt „Serial“. Sie ist zu einem überraschenden Massenphänomen geworden. Die erste Staffel von „Serial“ – zwölf Sendungen von je etwa einer Dreiviertelstunde – wurde 68 Millionen Mal heruntergeladen. Die Nutzer dieser Podcasts sind überwiegend jüngere Leute, die die Sendungen über ihr Smartphone abrufen und hören, wenn sie joggen oder in der U- und S-Bahn sitzen.

„Serial“ ist eine Produktion von „This American Life“, einem Radioprogramm des Senders WBEZ. Das ist eine nichtkommerzielle Radiostation. Zu hören sind Bergdahls Telefongespräche mit dem Produzenten Mark Boal sowie Interviews mit ehemaligen Kameraden, Freunden und sogar den Taliban.

(Die erste Sendung der neuen Staffel über Bowe Bergdahl finden Sie hier.)

Bergdahl spricht in den knapp 25 Stunden Rohmaterial, die „Serial“ für die Hörer durchforstet und aufbereitet hat, auch darüber, warum er seinen Posten verlassen hat. „Was ich von meiner ersten Einheit bis zum Einsatz in Afghanistan gesehen habe, waren einfach Fehler in der Führung. Das ging so weit, dass die Leben der Männer, die neben mir standen, wirklich in Gefahr waren, dass etwas schiefgeht und jemand stirbt“, sagt Bowe Bergdahl.

Er wollte, dass sich die CIA mit Missständen beschäftigt

Er war damals alleine und ohne Ausrüstung in das Gebiet der Taliban gelaufen. Er wollte einen sogenannten „DUSTWUN“ auslösen. Das steht für „duty status – whereabouts unknown“, ein Alarm, der ausgelöst wird, wenn ein Soldat gefangen genommen wird oder verschwindet. Bergdahls Ziel: Er wollte Aufmerksamkeit für seine Kritik provozieren, da bei solch einem Alarm nicht nur die Armee informiert wird, sondern unter anderem die CIA, die Navy und die Marines. Einem Obergefreiten, der er war, hätte sonst niemand zugehört, sagt Bergdahl.

Der Soldat spricht auch über die Gefangenschaft bei den Taliban. „Es ist schwierig, Leuten zu erklären, dass es wehtun kann, in einem leeren, dunklen Raum zu stehen“, sagt Bergdahl. „Manchmal, wenn ich aufgewacht bin, war es so dunkel, dass ich nicht einmal wusste, was ich war.“

Die erste Folge beschäftigte sich über 44 Minuten mit der Situation in der kleinen Basis, in der Bergdahl stationiert war, mit seiner Kritik an der Führung, dem Grund für seine Entscheidung, das Camp zu verlassen, und mit einer groben Skizze seines Charakters im Gespräch mit ehemaligen Kameraden. Wie viele Podcasts versucht „Serial“, die journalistischen Inhalte kostenlos öffentlich zur Verfügung zu stellen. Was den Podcast jedoch von den meisten anderen unterscheidet, ist die eindringliche Beschäftigung mit einem Thema für eine ganze Staffel.

Podcasts wie „Serial“ sind keine puren Nachrichtensendungen. Sie vermenschlichen aktuelle Nachrichten oder historische Ereignisse und beschäftigen sich im Detail mit den Schicksalen. Bowe Bergdahl wird möglicherweise wegen Fahnenflucht und Gefährdung von Kameraden angeklagt. Darauf steht lebenslange Haft.

Podcasts werden immer beliebter

Podcasts sind nicht gebunden an die typischen Medienformate. In dem Podcast „The Memory Palace“ zum Beispiel erzählt Nate DiMeo prosaisch in fünf bis 15 Minuten teils skurrile Geschichten historischer Ereignisse nach. Vom Erfinder von mit Blei versetztem Benzin  bis zum Brand der SS El Histero, ein Schiff voller Munition, im Hafen von New York 1943. In der „Love Hurts“-Serie des Podcasts „Strangers“ geht die Erzählerin Lea Thau ihrem Singledasein mit 40 auf den Grund, interviewt alte Lebenspartner und weint auch mal.

Eigenständige Podcasts  können durch ihre „on demand“-Natur solche Spezialisierungen möglich machen. Die bisher genannten Produktionen stammen alle aus den USA. In Deutschland sind die beliebtesten Podcasts noch immer meist noch die Archivierung von Radio- oder Fernsehprogrammen wie Podcasts der Deutschlandfunks, dem ARD Radio Tatort, der Tagesschau oder Wissens und Kabarettsendungen von SWR und NDR.

Produktionen rein für den Podcast-Markt müssen keinen Massenmarkt befriedigen. Dass das mit neuen Formaten natürlich ebenso möglich ist, zeigt „Serial“. Die erste Staffel von „Serial“, in der die Verurteilung eines jungen Mannes in einem Mordverfahren in Maryland aufgearbeitet wurden, ist mehr als 68 Millionen Mal heruntergeladen worden und die Produktion gilt damit als der am schnellsten wachsende Podcast überhaupt. Er wird weithin als einer der Gründe gesehen, warum ein Gericht in Maryland zugestimmt hat sich neue Beweise in dem Fall anzusehen.

Der zweiten Staffel sagen Experten ein noch größeres Publikum voraus. Serial weicht mit der Konzentration auf Bergdahls Geschichte vom vorherigen Fokus ab. Der Mordfall aus Maryland war unbekannt und wurde erst durch den Podcast zum öffentlichen Debattenthema. Das Schicksal von Bowe Bergdahl war von Anfang an ein Medienspektakel, auch wenn es in den letzten Monaten ruhiger geworden ist um den Soldaten.  

Am Ende werden in der zweiten wie schon in der ersten Staffel Serial wohl keine festen Wahrheiten präsentiert werden, sondern dem Hörer wird eine intensive Aufarbeitung vorgelegt, sowie Tonnen an Material und unterschiedlichen Aussagen, leicht moderiert durch die journalistische Arbeit der Erzähler. Es wird am Ende wohl kein Urteil darüber geben, ob Bowe Bergdahl ein Held oder ein Verräter ist.

Die erste sowie die zweite Staffel von Serial kann man sich kostenlos auf deren Homepage anhören, auf der vorinstallierten Podcast App auf dem Iphone, sowie anderen Apps wie „Sticher“ . Durch den großen Erfolg der ersten Staffel gab es eine große Nachfrage nach anderen „True Crime“. Ähnliche Themen, werden in Formaten wie „Criminal“ oder „Sword and Scale“ behandelt.

Criminal gehört zu dem Netzwerk „Radiotopia“, in dem viele erfolgreiche Podcasts wie „The Memory Palace“, „Strangers“,The Theory of Everything“ und viele mehr sich zusammengeschlossen haben.

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