Politdynastie : Vom Stamm der Herrscher

Caroline Kennedy hat Politik im Blut – und demnächst vielleicht auch noch einen Sitz im Senat. Die Tochter des ehemaligen Präsidenten John F. Kennedy ist als Nachfolgerin von Hillary Clinton im Gespräch.

Matthias B. Krause[New York]
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Verstehen sich gut. Caroline Kennedy und Barack Obama. -Foto: AFP

Es gibt keinen Namen in der amerikanischen Politik, der die Herzen so sehr wärmt und die Fantasie beflügelt wie der der Kennedys. Immer noch. Und so reichte die laute Überlegung, ob die Tochter des ehemaligen Präsidenten John F. Kennedy nicht den frei werdenden Senatssitz von Hillary Clinton übernehmen sollte, um die Kommentatoren ins Schwelgen zu bringen. Da wurden Erinnerungen aufgewärmt an das Pony Macaroni, das Vizepräsident Lyndon B. Johnson einst der dreijährigen Caroline schenk te und das fortan auf dem Rasen des Weißen Hauses frei herumspazieren durf te. Und natürlich an die tragische Familiengeschichte der Kennedys, die Ermordungen, die Unfälle, die gestorbenen Hoffnungen. „In diesem Märchen ist Caroline die tragische, nationale Prinzessin“, findet Ruth Marcus, Kommentatorin der „Washington Post“. Und während ihr Kopf ihr sage, dass es besser qualifizierte Personen für den hohen politischen Posten gebe, sage ihr Herz: „Ja, ja, ja!“.

Wenn New Yorks Gouverneur David Paterson Caroline Kennedy im Februar zur Senatorin des Bundesstaates berufen würde – als Nachfolgerin von Hillary Clinton, die Außenministerin werden soll –, hätte das eine hohe symbolische Bedeutung. Caroline Kennedy würde auf dem Capitol Hill den Schreibtisch ihres Onkels Robert Kennedy übernehmen, der New York von 1965 bis zu seiner Ermordung im Präsidentschaftswahlkampf 1968 im Senat vertreten hatte. Dort sitzt derzeit ihr anderer Onkel, Edward Kennedy, der nach 46 Jahren im Oberhaus seinen Posten in absehbarer Zeit abgeben wird. Als die Ärzte bei Ted Kennedy im Frühsommer einen bösartigen Hirntumor diagnostizierten, war es Caroline, die an seine Seite eilte. Bei ihm hatte die Jurastudentin einst ein Praktikum im Senat absolviert. „Uncle Teddy“ war es gewesen, der sie den Gang hinunterführte, als sie 1986 in New York den Museumskurator Edwin Schlossberg heiratete. Trotzdem wäre Caroline Kennedy eine überraschende Trägerin des politischen Familienerbes. Zwar besang schon Neil Diamond die Dreijährige mit ihrem Pony im Weißen Haus als „Sweet Caroline“, doch nach der Ermordung ihres Vaters tat ihre Mutter Jacqueline alles, um die Kinder vom öffentlichen Rampenlicht abzuschirmen.

Die Juristin, die in Harvard und an der Columbia-Universität studierte, führte bis vor kurzem ein zurückgezogenes Leben an Manhattans Upper East Side. Ihre öffentlichen Auftritte beschränkten sich auf Wohltätigkeitsveranstaltungen. Für die notleidenden öffentlichen Schulen New Yorks sammelte sie Millionen, die Familientradition pflegte sie als Lektorin und Hüterin eines nach ihrem Vater benannten Preises. Wenn die Familie wieder einmal ein Schicksalsschlag ereilte, wie der Flugzeugabsturz ihre Bruders John Jr. 1999, dann war die große Schwester das stoische, tapfere Gesicht einer sterbenden Dynastie. Verglichen mit dem ausschweifenden, skandalträchtigen Lebensstil der männlichen Vertreter der Familie führt Caroline Kennedy ein beinahe langweiliges Dasein. Sie gilt als notorisch schüchtern, öffentlich zu sprechen ist ihr eine Qual. Diese Qualität, Freunde und Feinde mit ihrem Charme zu verzaubern, die ihr Vater und seine Brüder besitzen, geht ihr ab. Trotzdem wagte sie sich in diesem Jahr auf die große politische Bühne, als sie vor 10 000 frenetisch jubelnden Studenten in Washington Barack Obama zur Wahl empfahl. Obama bringe dieselbe Inspiration und Hoffnung ins Weiße Haus wie einst ihr Vater, rief Caroline Kennedy damals. Seitdem ging sie für den späteren Sieger in den Wahlkampf. Nun wird der Weg für sie frei, weil Obama Hillary Clinton als Außenministerin holt.

Der Rückhalt ihrer Familie ist ihr sicher. „Sie hat viel Zeit damit verbracht, ihre öffentlichen Verpflichtungen mit denen für ihre Familie zu vereinbaren“, sagt ihr Cousin Robert F. Kennedy Jr., „jetzt sind ihre Kinder groß und sie ist bereit, auf eine größere Bühne zu treten.“ Kerry Kennedy, ebenfalls eines von Robert Kennedys Kindern, lobte die Cousine: „Ich denke, sie überlegt, was sie opfern müsste. Sie ist eine sehr engagierte Mutter und es wäre schwierig für ihre Familie. Aber wenn sie es macht, wird sie großartig sein.“ Marc Landy, Politik-Professor am Boston College, beschreibt das Familiendenken so: „Die Kennedys haben eine Stammesphilosophie. Mehr als ein halbes Jahrhundert lang gab es immer einen wichtigen Kennedy in der amerikanischen Politik. Und die Vorstellung, das um eine weitere Generation zu verlängern, entspricht ihren Stammesinstinkten.“ Allerdings wird in den Kommentarspalten von Boston bis Los Angeles Caroline Kennedys Qualifikation infrage gestellt. Außerdem hat sie harte Konkurrenz. Andrew Como, derzeit New Yorks Oberstaatsanwalt und Spross einer bekannten New Yorker Politikerfamilie, interessiert sich ebenfalls für das Amt. Ihn aus dem Feld zu schlagen, wäre den Kennedys allerdings gleich ein doppeltes Bedürfnis. Schließlich trennte Como sich in einem bitteren Rosenkrieg von Caroline Kennedy’s Cousine Kerry. Ein Sieg wäre somit nicht nur die Fortführung der Familientradition, sondern auch ein Zeichen an die Feinde: Legt Euch nicht mit den Kennedys an.

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