Welt : Politik am türkischen Biertisch

Erdogans Gegner fürchten Prohibition

Susanne Güsten

Istanbul - Das Geschäft von Metin Sahin in Ankaras Stadtteil Keciören ist ein Krämerladen wie in vielen türkischen Städten. Das Nötigste für den Haushalt, Eis, Snacks – aber auch Wein und Bier. Vor wenigen Wochen stürmten Beamte des Ordnungsamtes spätabends in Sahins Laden und prügelten ihn krankenhausreif. Eine Einzelaktion von außer Rand und Band geratenen Beamten, sagt der Bürgermeister des Stadtteils. Doch die Opposition sieht in dem Angriff in Keciören, wo auch der fromme Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan wohnt, ein Beispiel für Bestrebungen seiner Regierung, den Türken das Trinken auszutreiben.

Der Streit zwischen Säkularisten und gemäßigten Islamisten in der Türkei hat die Biergläser des Landes erreicht. Gegner Erdogans sagen, der Ausschank von Wein, Bier und Schnaps werde immer mehr eingeschränkt. Nach Presseberichten verweigern viele lokale Behörden die Erneuerung der Ausschanklizenzen von Gaststätten, die Regierung aber weist den Vorwurf eines islamistisch motivierten Feldzugs strikt zurück. Noch vor wenigen Jahren war es Nebensache, ob jemand Alkohol trank oder nicht – heutzutage wird das fast wie ein politisches Glaubensbekenntnis behandelt. Das führt mitunter zu absurden Situationen. So legen Erdogan und der ebenfalls abstinente Präsident Abdullah Gül großen Wert darauf, dass in ihren Dienstflugzeugen und bei Diners stets Alkohol angeboten wird. So soll jeder Islamismus-Verdacht vermieden werden. Da die politische Schlacht ums Trinken inzwischen zu einem Glaubenskampf geworden ist, verlieren beide Seiten manchmal den Sinn für das richtige Maß. So ließ die Verwaltung in Keciören kurz vor dem Angriff auf den Ladenbesitzer ein Schild mit der Aufschrift „Alkohol ist die Mutter alles Schlechten“ anbringen. Gleichzeitig tun viele Erdogan-Gegner zuweilen so, als sei die Freiheit für Trinker das alleinige demokratische Maß.

Und die Bürger? Ein Blick auf die Zahlen hilft: Zwar sinkt der Verbrauch beim relativ teuren Wein und Schnaps, doch der Bierkonsum legte allein 2007 um 40 Millionen Liter zu. Susanne Güsten

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