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Polizisten erschießen Obdachlosen in Los Angeles : Griff das Opfer nach der Waffe eines Beamten?

Polizisten in Los Angeles haben im Problemviertel Skid Row einen Obdachlosen erschossen, der sich gegen seine Festnahme gewehrt hatte. Das Video mit den tödlichen Schüssen wurde im Internet verbreitet. Der Vorfall dürfte die Diskussionen um Polizeigewalt in den USA befeuern. Ermittler nannten den Vorfall eine „extreme Tragödie“.

Ein Bild aus dem Video, das die tödlichen Schüsse von Polizisten auf einen Obdachlosen in Los Angeles zeigt.
Ein Bild aus dem Video, das die tödlichen Schüsse von Polizisten auf einen Obdachlosen in Los Angeles zeigt.Foto: Screenshot youtube

In Los Angeles ist ein Obdachloser von Polizisten erschossen worden. Im Netzwerk Facebook tauchten am Sonntag Videoaufnahmen des Vorfalls auf, über den auch mehrere örtliche Medien berichteten. Darauf ist eine Auseinandersetzung zwischen dem Obdachlosen und mehreren Beamten zu sehen, die versuchen, den Mann zu überwältigen. Der Mann habe versucht, einem der Beamten seine Dienstwaffe abzunehmen, erklärte die Polizei am Montag. Daraufhin hätten die Polizisten das Feuer eröffnet. Die Polizisten haben zunächst versucht, den Mann mit einer Elektroschock-Pistole unschädlich zu machen. Zudem ist eine Stimme zu hören, die "Waffe runter" schreit, bevor mehrere Schüsse fallen.

Beamte verlieren ihre Schlagstöcke

Auf dem Video ist auch zu sehen, wie ein Mann einem der Polizisten den Schlagstock entwendet und damit die Beamten angreifen möchte. Daraufhin wird er von heranrückenden Beamten überwältigt. Ein weiterer Schlagstock fällt zu Boden. Dann wird der Tatort von der Polizei abgesperrt, Verstärkung rückt an. Immer mehr Menschen nähern sich, sie beschimpfen die Beamten und werden von der Polizei zurückgedrängt. „Warum habt Ihr geschossen? Ihr habt ihn doch schon getasert (ihm einen Elektroschock versetzt)“, sagt ein Augenzeuge in dem Video, wie CNN berichtet.

Der Obdachlose wurde ins Krankenhaus gebracht, dort aber für tot erklärt, wie die "Los Angeles Times" unter Berufung auf einen Polizeisprecher berichtete.

Der Erschossene, der in der Gegend unter dem Spitznamen „Africa“ bekannt war, lebte den Berichten zufolge auf der Straße und schlief in einem Zelt. Er soll psychische Probleme gehabt haben und zeitweilig in einer psychiatrischen Klinik gewesen sei. Polizei und Staatsanwaltschaft wollen den Vorfall untersuchen.

Zeugen berichten von einem Streit im Zelt des Opfers

Der Vorfall ereignete sich in dem Viertel Skid Row, in dem viele Obdachlose leben. In dem Bezirk unweit des Stadtzentrums gibt es auch zahlreiche Hilfsdienste für Obdachlose, außerdem säumen Zelte und andere Behelfsunterkünfte die Straßen. Das im Stadtzentrum nahe dem Hauptbahnhof Union Station gelegene Skid Row deckte eine Fläche von rund 50 Häuserblocks ab. Los Angeles, das immer wieder als Obdachlosen-Hauptstadt der USA bezeichnet wird, bekommt die Probleme dort einfach nicht in den Griff. Kriegsveteranen, Menschen mit psychischen Problemen sowie drogenabhängige Männer und Frauen prägen das Bild der Straßen. Bittere Armut, Gewalt und Selbstmord sind an der Tagesordnung.

Der "Los Angeles Times" zufolge wurde die Polizei wegen eines Raubdelikts dorthin gerufen. Zeugen berichteten über einen Streit im Zelt des späteren Opfers. Augenzeugen gaben an, dass der Obdachlose unbewaffnet gewesen sei. Am Tatort sei auch keine weitere Waffe gefunden worden. Zwei Polizisten wurden leicht verletzt.

Ein Video des Gerangels vor den Schüssen sorgt im Internet für Aufregung. Es wurde in den ersten sieben Stunden zwei Millionen Mal bei Facebook angeklickt.

Anthony Blackburn behauptet auf Facebook, das Video gemacht und auf der Internetplattform gestellt zu haben. Er sei zum Tatzeitpunkt zufällig in der Nähe gewesen und habe die Szene gefilmt. Bis Montag Nachmittag war das Video fast 170 000 Mal geteilt und über 4 Millionen Mal abgerufen worden. Freunde von Blackburn warnen ihn vor der LAPD. „Ich wollte es aufnehmen, um dazu beizutragen, dass alles gut ausgeht. Stattdessen wurde ich Zeuge einer Tragödie“, sagte Anthony Blackburn dem Sender CNN. Auf Facebook wurde das Video unterdessen gelöscht. Auch kann man Blackburn keine Freundschaftsanfrage mehr schicken, da er bereits die maximale Anzahl von Freunden habe - so die Anzeige bei Facebook. Auf dem Profil des Users sind jedoch nur 189 Freunde angegeben - bei weitem nicht die maximale Anzahl auf Facebook.

Bereits kurz nach der Veröffentlichung auf Facebook überschlagen sich die Reaktionen im Netz. „Schon wieder“, schreibt ein Nutzer mit Blick auf die wiederholten Fälle von Polizeigewalt gegen Unbewaffnete. „Das hat mich gerade so wütend gemacht! Unglaublich“, kommentiert eine Nutzerin. Nach 16 Stunden im Netz war das Video rund fünf Millionen mal geklickt. 

„Wenn vier Polizeibeamte einen unbewaffneten Mann nicht festnehmen können, ohne ihn zu töten, sollten sie vielleicht nicht Polizeibeamte in #Skidrow sein“, schreibt eine Userin auf Twitter. Die Polizei in Los Angeles versucht seit Jahren, das dortige Problemviertel Skid Row unter Kontrolle zu bekommen. Ein Nutzer spricht vom „Mord in #SkidRow“.

Die Liste der Polizeiübergriffe ist lang

In den USA sterben immer wieder Bürger durch Polizeigewalt. Im Sommer 2014 war es in der Stadt Ferguson zu einem Vorfall mit weitreichenden Folgen gekommen. Dort hatte ein weißer Polizist auf den unbewaffneten Schwarzen Michael Brown geschossen und den 17-Jährigen getötet. Es folgten schwere Unruhen. Eine Geschworenenjury entschied später, dass der Polizist nicht vor Gericht muss. Auch in anderen Landesteilen wie etwa in New York sorgten darauf Berichte über Fälle von Polizeigewalt für Empörung. Zuletzt hatte auch der Fall einer erschossenen 17-Jährigen in einer Polizeiwache für Aufregung gesorgt.

Die Liste der Polizeiübergriffe ist lang. Mal sind die Opfer unbewaffnete Jugendliche, mal Kinder, die mit einer Spielzeugwaffe hantieren. Immer wieder geht die Frage um: Sind die US-Polizisten schlichtweg „trigger happy“ - haben sie den Finger zu schnell am Abzug? Statistiken gehen davon aus, dass es rund 270 Millionen Waffen in den USA gibt. Rein statistisches gesehen bedeutet das, dass rund 90 Prozent der Amerikaner eine Waffe besitzen - bei Kriminellen dürfte die „Waffendichte“ deutlich höher liegen.

Die Neigung, auch abzudrücken, ist hoch: Allein im Jahr 2013 kamen 30 Polizisten durch Schüsse ums Leben. Unzählige Nachbauten von Waffen, die täuschend echt aussehen, vergrößern das Problem. „Wir müssen davon ausgehen, dass jede Waffe echt ist“, sagte Jeff Follmer, Chef einer Polizeivereinigung in Cleveland. „An dem Tag, an dem wir das nicht tun, werden wir nicht mehr nach Hause zurückkehren.“ (rok, AFP, dpa)

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