Welt : Polizistin tötet sich nach sexueller Belästigung

MÜNCHEN (AFP).Sexuelle Belästigung im Dienst und Probleme mit ihren Kollegen sind offenbar die Gründe für den Selbstmord einer 22jährigen Polizistin in München.Mit "obszönen Beschreibungen des Geschlechtsverkehrs" habe ein Vorgesetzter die Polizistin "massiv sexuell belästigt", bis sie krank wurde, klagten deren Eltern nach Angaben des Münchner Polizeipräsidenten Roland Koller, der gestern zusammen mit der Gleichstellungsbeauftragten der Münchener Polizei, Elfriede Steuerer, den Fall auf einer Pressekonferenz bekanntmachte.

Bereits Mitte Dezember hatte sich die Beamtin bei der Gleichstellungsbeauftragten über Probleme auf der Polizeiwache beschwert.Später klagte sie bei einem Personalrat über "anzügliche Bemerkungen des stellvertretenden Dienstgruppenleiters auf sexueller Basis".Die junge Polizistin hatte sich am Sonntag offenbar auf der Fahrt zum Dienst auf einem Autobahnparkplatz bei Augsburg mit ihrer Dienstwaffe das Leben genommen.Sie hinterließ keinen Abschiedsbrief.

Nach Angaben des Polizeipräsidenten war die Dienstgruppe im Münchner Stadtteil Milbertshofen in Kollegenkreisen "als frauenfeindlich in Verruf geraten".Der Hauptverdächtige, ein 32jähriger, verheirateter Kommissar, sei deshalb Mitte Januar bereits als Leiter der Dienstgruppe ausgetauscht und durch eine Frau ersetzt worden.Gegen den Mann seien nun disziplinarrechtliche Schritte geplant; "wir sehen nichts strafrechtlich Greifbares", sagte Koller.

Ein Kollege habe die Vorwürfe der 22jährigen "im wesentlichen bestätigt", sagte Koller.Nach Angaben ihrer Eltern sei die Beamtin als "Bauerntrampel" beleidigt worden.Es gebe keine Anhaltspunkte dafür, daß es auch zu körperlichen Übergriffen gekommen sei.Die 22jährige hatte sich zuletzt krank gemeldet und war nicht mehr mit ihrer neuen Chefin zusammengetroffen.

Aus der betroffenen Dienststelle hatten sich bereits im vergangenen Jahr zwei andere Beamtinnen an die Gleichstellungsbeauftragte Elfriede Steuerer gewandt.Allerdings hätten die Beschwerden keine sexuellen Hintergründe gehabt, sagte Steuerer.Allerdings räumt Polizeipräsident Koller ein, daß Frauen in solchen Fällen Angst haben könnten, sich zu offenbaren.Die junge Beamtin, die ausgezeichnete Dienstnoten erhielt, hat nach Angaben der Gleichstellungsbeauftragten bereits im Dezember "sehr aufgeregt" bei ihr angerufen.Sie habe ihre Kündigung angedeutet, weil sie in der Polizeiwache nicht angenommen werde, sagte die Gleichstellungsbeauftragte.Sie habe die junge Frau "von voreiligen Schritten abhalten" können; weitere Hilfsangebote habe die Beamtin abgelehnt.Weil bereits andere Beschwerden aus der Dienstgruppe vorlagen, informierte Steuerer den Polizeipräsidenten und leitete eine interne Ermittlung ein.Dabei sei aber nichts zu Tage gekommen.

Es sei auffällig, daß sich die Beamtin schon 14 Tage nach ihrer Versetzung in die Dienstgruppe bei der Gleichstellungsbeauftragten meldete, sagte der Polizeipräsident."Das deutet auf etwas Massives hin, aber wir tappen im dunkeln." Der Selbstmord gebe Rätsel auf: "In der Regel gibt es immer mehr als einen Grund." Hinweise auf private Probleme der Frau gebe es allerdings nicht.In München müssen traditionell viele junge Polizisten Dienst tun, die von auswärts kommen.Der Dienst in der Großstadt gilt vor allem wegen der hohen Lebenskosten als unattraktiv."Viele haben Probleme, mit der Großstadt zurecht zu kommen."

Koller kündigt nun Konsequenzen aus dem Selbstmord an.Der Beschuldigte, ein 32jähriger, verheirateter Kommissar, wurde versetzt.Ihm droht ein Disziplinarverfahren.Einen Prozeß muß er nicht fürchten, weil - so die Begründung - die Vorwürfe strafrechtlich nicht relevant seien.Künftig wolle er ähnliche Probleme "institutionell abfangen", sagt Koller und beklagt die Arbeitsbedingungen bei der Polizei in München.

Junge Beamte würden zum Teil zwangsverpflichtet, weil der Dienst in der teuren und nervigen Großstadt unattraktiv ist.Wer in München "abgedient" hat, wolle oft raus in die billige und ruhige Provinz.Der Polizeinachwuchs komme meist vom Land und wird in der Stadt nicht heimisch.Ohne ihr vertrautes Umfeld kämen die jungen Beamten mit den Dienst-Problemen nur schlecht zurecht, sagt der Polizeipräsident.Die junge Beamtin kam aus dem schwäbischen Donau-Ries.Sie wohnte in einem "Ledigenzimmer" bei der Bereitschaftspolizei.

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