Welt : Polnisches Eigentor

Statt einer günstigen Autobahn von Berlin nach Warschau droht ein Verkehrschaos zur Fußball-EM

 Paul Flückiger[ Warschau]
Baustelle Polen.
Baustelle Polen.Foto: AFP

In knapp einem Jahr beginnt die Fußball-Europameisterschaft Euro2012 in Polen und der Ukraine. Aus Deutschland werden viele Fans nach Polen gelangen und schnell zwischen den vier polnischen Spielorten Warschau, Danzig, Posen und Breslau hin- und herfahren wollen. Doch bereits jetzt ist klar, dass ein Mega-Verkehrschaos droht. A1, A2, A4. Die Löcher im polnischen Autobahnnetz sind riesig und sie werden auch im Sommer 2012 noch groß sein. Die wichtigste Strecke, die zwischen Berlin und Warschau, sollte mithilfe eines chinesischen Unternehmens gebaut werden. Und ausgerechnet dort droht nun der größte Flop.

Im Sommer 2009 hatte sich die bisher in Europa unbekannte China Overseas Engineering Group (Covec) die Zusage zum Bau zweier langer Abschnitte an der wichtigsten polnischen Straßenbaustelle, der Autobahn A2 zwischen Berlin und Warschau erhalten. Der Bauvergabe an die Chinesen – die erste für ein solches Großprojekt in der EU – folgte ein Aufruhr in der europäischen Straßenbaulobby. Denn die chinesische Staatsfirma Covec hatte in ihrer Offerte die Preisvorgabe des polnischen Straßenbauamtes (GDDKiA) um 60 Prozent unterschritten.

Die Offerte sei nicht realistisch, hieß es damals unter der Konkurrenz. „Bestimmt wollen auch wir Gewinn machen, wenn auch vielleicht nur einen kleinen“, widersprach der chinesische Manager Tan Honghua im Gespräch in der schon damals geheimnisumwitterten Covec-Außenstelle Zyrardow, wenige Kilometer von der künftigen Autobahntrasse entfernt.

Fast 50 Kilometer Autobahn wollte Covec nach eigenen Angaben vor allem mit polnischen Kontraktpartnern für den Schleuderpreis von 325 Millionen Euro bauen. Doch seit Mai steht der Bau praktisch still. Die Chinesen waren dazu übergangenen, ihre polnischen Subunternehmer nicht mehr zu bezahlen. Diese traten darauf in den Streik. Die fristgerechte Fertigstellung der beiden Abschnitte auf der Strecke Lodz (deutsch: Lodsch) - Warschau ist damit gefährdet.

Ende letzter Woche nun forderte das Straßenbauamt von den Chinesen ultimativ die Wiederaufnahme der Bauarbeiten sowie eine Beschleunigung. Covec allerdings drohte mit einer einseitigen Vertragsaufkündigung. Dafür dräut den Chinesen wiederum eine Schadenersatzklage über 180 Millionen Euro. „Wenn jemand in Polen Straßen oder Stadien bauen will, so muss er dies perfekt tun, oder eine Strafe bezahlen“, drohte am Montag Polens liberaler Premierminister Donald Tusk. Die Chinesen beklagten stattdessen eine schlechte Zahlungsmoral des Straßenbauamtes sowie eine angeblich „unvorhergesehene“ Erhöhung der Materialkosten.

Das Problem liegt allerdings eher bei der chinesischen Schleuderpreis-Kalkulation. So gab es laut Insidern von Anfang an Probleme mit den polnischen Subunternehmern. Die von Covec vorgeschlagenen Preise seien zu niedrig gewesen. Schnell kam es deshalb zu Verzögerungen am Bau. Laut polnischen Presseberichten schuldet Covec den Subunternehmern bereits rund 30 Millionen Euro.

In Geschäftskreisen ist zu hören, die Chinesen würden einfach nachträglich den Preis hochdrücken wollen. „Covec hat nicht verstanden, dass die Vertragsunterzeichnung nicht ein Ausgangspunkt für weitere Verhandlungen ist, wie sonst in Asien üblich“, vermutet Radoslaw Ryffel vom Polnisch-Asiatischen Studienzentrum. „Die Chinesen sollten eiligst ihr Renommee retten“, fordert Polens Außenminister Radoslaw Sikorski. Am Wochenende war er eigens nach Budapest gereist, um dort seinen chinesischen Amtskollegen zu treffen. „Nur ein Wunder kann dieses Autobahnstück noch retten“, heißt es derweil in Warschau.

Im kommenden Sommer wird aber auch die Bahn keine wirkliche Alternative sein. Denn die Trassen-Erneuerungen hinken genauso hinter den schönen Zeitplänen der Warschauer Regierung her wie die Autobahnen. Fliegen wird man zwar in die Austragungsorte können, doch der Weg vom Flughafen zum Stadion droht zum kilometerlangen Fußmarsch über Baustellen zu werden.

Und derweil ist es auch um die Austragungsorte selbst recht schlecht bestellt. Das Stadion in Warschau, in dem am 8. Juni 2012 das Eröffnungsspiel der Euro2012 angepfiffen werden soll, liegt bei Weitem nicht im Plan. Am 6. September dieses Jahres sollte es mit einem Freundschaftsspiel gegen Deutschland eingeweiht werden. Daraus wird wohl nichts. „Das Spiel selbst ist nicht bedroht“, beeilte sich Piotr Golos vom polnischen Fußballverband am Dienstag in Berlin zu versichern. Verspätungen gibt es außerdem auch in Danzig. In Posen, wo das Stadion seit Herbst steht, will wiederum das Gras auf dem Spielfeld nicht wachsen. mit dpa

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