Welt : Popliteratur: Widerstand ade

Sassan Niasseri

Was ist Pop? Jungautoren wie Benjamin von Stuckrad-Barre, Christian Kracht und ihr "Popkulturelles Quintett" sind Pop. Leider. Die Schriftsteller sprechen sich von jeglichem Tiefgang frei: Sie verstehen sich als Zuarbeiter der Kulturindustrie und veröffentlichen Bücher, die trendig sind, aber ein rasches Verfallsdatum haben. Ob "Soloalbum" oder "Faserland" - Literatur hat beim Popkulturellen Quintett keinen subversiven, sprachkritischen oder gar experimentellen Charakter. Was zählt ist Selbstinszenierung und das Wiederkauen von TV- und Lifestyle-Sprache. Unterhaltungsware für die Yuppieschicht. Aber das ist nichts Neues. Junge Menschen lesen Leichtes gern. Was hätte Pop sonst auch bieten können? Einen Angriff auf die bürgerliche Hochkultur? Genau!

Der Schriftsteller und Essayist Thomas Ernst, mit 27 Jahren selbst noch im poppigsten Alter, hat sich in seiner Einführung "Popliteratur" (Rotbuch 3000) auf die Fährte der Jugendkultur begeben und einen Rückblick auf die Geschichte unternommen. Er hat, ohne zu moralisieren, ein wehmütiges Resümee gezogen: Erst in in den neunziger Jahren hat die Popkultur in Deutschland die politische Wut durch den Spaß ersetzt.

Ernst holt weit aus: So sieht er den von Pop im Schaffen der New Yorker Dadaisten der 20er Jahre; Outlaws, die mit Anti-Kunst und einer Literatur ohne Wirklichkeitsbezug erstmals das intellektuelle Bürgertum angriffen. Chronologisch verfolgt Ernst die Pop-Spur weiter: über die Beatniks Allen Ginsberg und Jack Kerouac und ihre oft im Slang formulierte Kritik am american dream geht es zur Pop-Art Andy Warhols und der Kölner Schule um Rolf Dieter Brinkmann, den großen Poeten des Alltags. Es steckt also vielleicht mehr Rebellion in Pop, als man sich heute erinnern kann. Interessant ist, wie Ernst den Paradigmenwechsel innerhalb der deutschsprachigen Literatur beschreibt: Die revolutionären Ideen von 1968 und der Kampf gegen die Gesellschaft sind heute in Vergessenheit geraten, während die damals heftig kritisierte Popliteratur zu einer der wichtigsten literararischen Strömungen geworden ist. Ernst zitiert Martin Walser, den 1968 eine Vorahnung beschlich: "Wenn es mir ganz flau zumute ist, fürchte ich, es ändere sich überhaupt nichts, als dass sich die Klassizismus-Päpste jetzt umkleiden in Pop-Päpste. Marktgesetzen gehorchend". Widerstand ade.

Der Trend-Aspekt kommt erst spät ins Spiel: Dass Pop immer auch ein bisschen Mode ist, oder dass irgendwann auch die Neunziger zum Zug kommen mussten und mit ihr die Spaßkultur, deren Protagonisten Stefan Raab und Ingolf Lück es sich zum Ziel gesetzt haben, die Botschaft ohne Inhalt zu zelebrieren. Pop als Markenartikel, der nur das verspricht, was auf seiner Hülle geschrieben steht.

"Popliteratur" überrascht durch seine Kürze, durch eine unaufdringliche Fülle an Daten und Querbezüge zur Politik; vor allem aber durch Einordnungen, die man nicht auf Anhieb vermuten würde. Sogar an Peter Handke findet Ernst Gefallen, denn dessen "Publikumsbeschimpfung" von 1966 sei als ein quasi-terroristischer Ausdruck von Systemkritik zu verstehen. Das also war auch Pop. Ernst zeigt, dass Pop sich nicht festnageln lässt und keine Grenzen kennt. Das ist vielleicht der einzige Vorwurf, den sich das Buch gefallen lassen muss: Weil Pop freiheitsliebend ist und sich ständig neue Kunstformen sucht, lässt er sich auch nicht auf einen einfachen Nenner bringen . Zusammenfassungen am Ende der Kapitel dienen dazu, das vielgestaltige Phänomen mit Begriffen zu versehen. Aber ist es nicht gerade das Besondere, dass Pop demokratisch ist? Pop überschreite, so Diedrich Diederichsen, Klassengrenzen, ethnische und kulturelle Grenzen. Er ist gekennzeichnet durch eine positive Beziehung zur sie umgebenden Welt. Ein grosses Ja zum Leben, dessen Teil jeder sein kann.

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