Popstars : Talent zur Quote

Die Entscheidung über die Zusammensetzung der neuen "Popstars"-Band "Queensberry" werden an diesem Donnerstag Millionen Menschen im Fernsehen live mitverfolgen. Warum sind solche Castingshows so erfolgreich?

Sonja Pohlmann
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Bereits dabei: Victoria, Gabriella und Leo. (v.l.)Foto: ddp

Dass sie für die Bühne geboren ist, steht für Patricia fest. Sie kann singen, sie kann tanzen, sie sieht gut aus. Patricia will berühmt werden und deshalb hat sie sich bei der ProSieben-Castingshow „Popstars“ beworben – zusammen mit fast 3000 anderen Mädchen aus ganz Deutschland. Sie alle träumen vom schnellen Ruhm, der Geld und ein glamouröses Leben zu versprechen scheint.

Doch für fast alle von ihnen ist dieser Traum inzwischen zerplatzt. Nur sechs junge Frauen sind nach 16 Folgen und vier Monaten übrig geblieben. Wenn an diesem Donnerstag das Finale läuft, werden wohl wie schon in den Wochen zuvor mehr als zwei Millionen Zuschauer mitfiebern, mitleiden und mitjubeln, während Patricia und ihre Konkurrentinnen Kay Kay und Antonella um den letzten der vier Plätze in der Band „Queensberry“ kämpfen. Die Kandidatinnen Vici, Leo und Gabby hatten sich bereits in den Wochen zuvor mit viel Schweiß und Tränen ihren Platz in der Band gesichert.

Genau diese Dramatik und diese Emotionen sind es, die Castingshows wie „Popstars“, „Germany’s Next Topmodel“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ so erfolgreich machen. Besonders innovativ ist das Konzept nicht. „Talentwettbewerbe gibt es seit vielen Jahrhunderten“, sagt der Medienexperte Jo Groebel. Wie damals erleben die Teilnehmer auch heute Höhen und Tiefen, bis sie am Ende scheitern oder siegen – nur sitzt das Publikum nicht mehr live in der Arena, sondern verfolgt Freud’ und Leid vor dem Fernseher.

Dass die Sendungen fast süchtig machen, liegt vor allem an den Gefühlen, die die Shows auslösen. „Die Zuschauer bauen regelrecht eine soziale Beziehung zu den Kandidaten auf“, sagt Groebel. Favoriten werden auserkoren, Feinde ausgemacht. Wie sie sich dann in der Show schlagen, erfüllt für das Publikum eine Art Katharsis-Funktion: Singt eine Teilnehmerin schief oder vergisst Tanzschritte, wird sie schadenfroh belächelt und vermittelt gleichzeitig das beruhigende Gefühl, dass auch andere Menschen nicht perfekt sind. Kommt die Favoritin eine Runde weiter, triumphiert der Zuschauer mit und fühlt sich dadurch als Teil eines Traums, den er vielleicht selbst gerne ausleben würde. „Denn letztendlich sind Castingshows auch moderne Märchen“, sagt Groebel. Die Story ist so simpel wie faszinierend. Ganz normale Menschen werden plötzlich Prinz oder Prinzessin in der modernen Welt, sei es nun als Popstar oder Topmodel. So wie zuletzt Mundharmonikaspieler Michael Hirte, Gewinner der RTL-Show „Supertalent“, oder Opernsänger Paul Potts aus der gleichnamigen Show in England.

Wie sehr die Zuschauer solche Geschichten mögen, zeigen die Einschaltquoten. Die aktuelle „Popstars“-Staffel verfolgten in der Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen durchschnittlich fast 2,1 Millionen Zuschauer, was einem Marktanteil von 14,4 Prozent entspricht. Die letzte „Topmodel“-Staffel sahen sich sogar 2,77 Millionen Zuschauer an und bescherten ProSieben damit einen Marktanteil von 23,3 Prozent.

Dass das Publikum vor allem weiblich ist, erklärt Medienexperte Groebel mit archaischem Verhalten: „Frauen haben sich schon immer mehr als Männer dafür interessiert, wie andere Menschen agieren und wie sie sich darstellen.“

Doch es sind nicht allein die Kandidaten, die die Shows so interessant machen. Auch die Jury-Mitglieder wie Dieter Bohlen bei „Supertalent“ und „Deutschland sucht den Superstar“ oder Heidi Klum bei den „Topmodels“ sind Quotengaranten. ProSieben hoffte auf einen Coup, als der Sender neben Detlef Soost und Sängerin Loona den Skandal-Rapper Sido in die „Popstars“-Jury setzte. Der hielt sich während der Sendung zwar mit Sprüchen zurück, äußerte sich dafür aber kritisch über die Show. Die Tränenausbrüche der Mädchen seien kalkuliert, die Teilnehmerinnen nicht authentisch genug, sagte Sido im Südwest-Rundfunk. Doch selbst wenn der eine oder andere Schluchzer nicht echt ist – wer ein Star sein und Erfolg haben will, muss sich inszenieren können.

Ob „Queensberry“, die siebte Band der „Popstars“-Staffel, die Charts stürmt, wird sich ab Donnerstag zeigen. Der Vorgänger aus dem vergangenen Jahr, „Room 2012“, verschwand schnell in der Versenkung. Die Band „Monrose“ (2006) ist dagegen weiterhin erfolgreich, und die erste „Popstars“-Band „No Angels“ (2000) schaffte ein Comeback. Gerade da die Shows so gut ankommen, werden vermeintlich neue Popstars, Superstars und Topmodels am laufenden Band produziert. Wer sich langfristig durchsetzen will, muss nicht nur Talent haben, sondern auch nach der Show die Vermarktungsmaschine zu bedienen wissen.

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