Porträt : Anne Will im Talkshow-Olymp

Schon mit 16 Jahren wusste Will, dass sie Journalistin werden wollte. Die Chancen, die sich ihr boten, wusste sie immer zu nutzen.

München - Jetzt beginnt sie wieder, die Zeit der Vergleiche: Ab September wird sich Anne Will fragen lassen müssen, ob sie ihren neuen Job kann. Das war schon 1999 so, als Will in die Männerwelt der ARD-"Sportschau" einbrach, und das war 2001 so, als sie die überaus beliebte Gabi Bauer bei den "Tagesthemen" beerbte. Diesmal muss die 40-Jährige die Fußstapfen von Sabine Christiansen füllen, die trotz häufiger Kritik den erfolgreichsten Polit-Talk in Deutschland geschaffen hat. Mit ihrem Credo "wenn sich mir eine Chance bot, habe ich es verstanden, das Beste daraus zu machen", konnte Will in der Vergangenheit ihre Kritiker überzeugen.

Ihre neue Stelle hat die in Hürth bei Köln geborene Will neben dem am Montag einmütig gefassten Beschluss der ARD-Intendanten zuerst Günther Jauch zu verdanken: Nur weil der nach monatelangem Verhandlungspoker verärgert über die Verantwortlichen der Sendergruppe das Handtuch warf, wurde der Job neu ausgeschrieben. In der direkt danach gestarteten Nachfolgedebatte war Will bis zuletzt nicht alleinige Favoritin. Auch Sandra Maischberger ("Menschen bei Maischberger") und Frank Plasberg ("Hart aber fair") gingen mit guten Aussichten in das Rennen.

Eigengewächs der ARD

Was am Ende den Ausschlag für Will gegeben hat, wollen ARD-Chef Fritz Raff und Programmdirektor Günter Struve erst am Dienstag bekannt geben. Doch mit ihrer Biographie musste sich Will zu keiner Zeit vor ihren Konkurrenten verstecken. Gegenüber dem bislang nur im WDR laufenden Plasberg hat sie den Vorteil, mit dem wichtigsten Nachrichtenformat der ARD bundesweit bekannt zu sein. Gegenüber der lange für n-tv tätigen Maischberger kann Will damit für sich werben, ein reines Eigengewächs der ARD-Sender zu sein.

Schon mit 16 Jahren wusste Will, dass sie Journalistin werden wollte. Mit 19 Jahren fing sie als freie Mitarbeiterin bei der "Kölnischen Rundschau" an. Mit ihrem grünen Käfer sei sie durch Stadt und Land von Schützenfest zu goldener Hochzeit gefahren und habe den Spaß am Erzählen von Geschichten entdeckt, sagte sie der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Wow, das ist es. Ich bin eine gemachte Frau", seien damals ihre Gedanken gewesen.

Fernsehen fand Will schrecklich

Nach dem Studium der Geschichte, Politologie und Anglistik in Köln und Berlin mit Magisterabschluss landete sie beim zur ARD gehörenden Sender Freies Berlin (SFB). Nach einem Praktikum bekam sie dort ein Volontariat, mit dem Schwerpunkt Radio. Fernsehen habe sie damals schrecklich gefunden, "weil mir das ganze Drumherum zuviel war". Mit 26 Jahren stand sie dann aber doch zum ersten Mal als Reporterin beim Berlin-Marathon fürs Fernsehen vor der Kamera.

Insgesamt acht Jahre blieb Will beim SFB. Dort moderierte sie unter anderem die Talkshow "Mal ehrlich" und den "Sportpalast". Von 1996 bis 1998 arbeitete sie auch für den WDR, als Gastgeberin des Medien-Magazins "Palazzo". Den bundesweiten Durchbruch brachte ihr aber 1999 die "Sportschau": Als erste Frau seit fast vierzig Jahren durfte sie in die Männerdomäne einbrechen - und lehrte die Altstars unter den Moderatoren um Heribert Faßbender mit ihrer lockeren Art das Fürchten. Nachdem sie auch für ihre Live-Moderationen von Olympia 2000 in Sidney viel Lob erntete, entdeckte sie der "ernsthafte" Journalismus in der ARD: Nach Gabi Bauers Ausstieg bei den "Tagesthemen" bekam Will im April 2001 die Stelle.

Traumstart bei den "Tagesthemen"

Im Wechsel mit zunächst Ulrich Wickert und inzwischen Tom Buhrow erlebte Will bei den "Tagesthemen" einen Traumstart: 2002 bekam sie als Shooting-Star die Goldene Kamera. Zum Markenzeichen machte sich Will dabei ihre Mimik. Das Kräuseln der Stirn und vor allem das Hochziehen der Augenbrauen sind Stilmerkmale der Nachrichtenfrau. "Ich weiß, dass ich das gezielt einsetzen kann. Manchmal rutscht es mir auch raus." Und eine weitere Eigenschaft gibt die Tochter eines Architekten freimütig zu: Sie sei ein "Plappermaul".

Ihre neue Aufgabe sieht sie als "tolle Chance". Bis zum Sendebeginn werde sie am Konzept feilen, es soll nach Will und nicht nach Christiansen aussehen. "Das Ziel ist allerdings klar: eine aktuelle, gesellschaftspolitische Gesprächsrunde anzubieten, die Themen aufgreift, aber auch eigene Themen setzt." (Von Ralf Isermann, AFP)

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