Porträt einer Milliardärin : Schaeffler - die listige Witwe

Maria-Elisabeth Schaeffler, Bittstellerin vor dem Steuerzahler, kamen die Tränen. Es könnten echte gewesen sein.

Andreas Oswald
Schaeffler
Maria-Elisabeth Schaeffler - hier mit offenem, extrovertiertem Lachen. -Foto: dpa

Als sie ihren Arbeiterinnen und Arbeitern zuwinkt, fangen die spontan an zu jubeln. Was für ein Bild. Maria-Elisabeth Schaeffler, Milliardärin, Konzernchefin, Herrscherin über 200 000 Mitarbeiter weltweit, kommen die Tränen. Tränen der Rührung, wie es später heißen wird.

Es gibt Leute, die glauben, die Vorgänge am Mittwoch am Werksgelände in Herzogenaurach seien eine Inszenierung gewesen, die Tränen herausgedrückt, die Rührung gespielt. 8000 Arbeiterinnen und Arbeiter hatten sich versammelt, um von dort durch die Altstadt von Herzogenaurach zu ziehen. Demonstrieren wollten sie, damit die Bundesregierung Milliarden locker macht für den Konzern, für ihre Arbeitsplätze. Und wie sie da so stehen und warten, taucht plötzlich die Konzernherrin auf, so ganz anders, als man sie von Fotos her kennt. Die sagenhafte Betonfrisur, mit der die Frau im Mittelpunkt steht, wo immer sie auftaucht, ist streng zu einem einfachen Pferdeschwanz nach hinten gekämmt, ihr Outfit leger, kein Pelzmantel, kein auffälliger Schmuck.

So mischt sie sich unter die Demonstranten, zieht mit durch die Altstadt, wo sich weitere Menschen dem Zug anschließen, um am Ende markigen Reden von Betriebsräten zu lauschen.

Diese kämpferische Einheitsfront von Kapital und Arbeit ist neu in Herzogenaurach. Schaeffler in Herzogenaurach – das war seit jeher ein Unternehmenspatriarchat alter Schule. Noch vor nicht allzu langer Zeit sprachen Arbeitnehmervertreter von „Menschenführung nach Gutsherrenart“, bescheinigten Herrn und Herrin „feudale Züge“.

Jetzt, zu einem Zeitpunkt, wo immer mehr die Banken bei Schaeffler das Sagen haben, der Konzern bankrott sein wird, wenn der Staat nicht einspringt, zu diesem Zeitpunkt also, wo Maria-Elisabeth Schaeffler zum ersten Mal nicht mehr die alleinige Herrin im Haus ist, da jubeln ihr plötzlich die Arbeiter zu – gibt es einen wahrhaftigeren Grund, in Tränen der Rührung auszubrechen? Echte Gefühle, das mag man nur ungern jemandem zuschreiben, der bei der Suche nach Schuldigen der Krise ganz plötzlich ins Zentrum der Aufmerksamkeit gerückt ist.

Dass sie am selben Tag, an dem sie die Bundesregierung um Milliardenhilfe ersuchte, in Kitzbühel im Pelzmantel auf einer Promi-Veranstaltung fotografiert wurde, das hat sie in eine Reihe gerückt mit Deutsche-Bank-Chef Ackermann, der sich einst mit seinem Victory-Zeichen in das kollektive Gedächtnis eingebrannt hat.

Betteln im Pelzmantel. Das sitzt. Wer ist diese Frau?

Auffallend ist, dass sie bisher nur ganz wenige Interviews gab, die Öffentlichkeit weitgehend mied. Sie hielt sich auch gänzlich fern von Partys und Promi-Veranstaltungen. Insofern ist das Foto in Kitzbühel gänzlich untypisch und eine wahre PR-Panne. Dass die Öffentlichkeit ihr nicht abnimmt, dass sie eine zurückhaltende Person ist, liegt vielleicht an den wenigen Fotos, die es von ihr gibt. Sie zeigen Maria-Elisabeth Schaeffler als eine extrovertierte, stark auf Äußerlichkeiten bedachte Frau, mit manchmal schwarz lackierten Nägeln und einem fast hysterischen Lachen. In ihrem Gesicht scheint man zu lesen, dass sie die Blicke auf sich ziehen und im Mittelpunkt stehen will. Es ist auf der anderen Seite ein Tatsache, dass diese Frau noch vor einem Jahr der Öffentlichkeit nicht bekannt war. Das muss an ihrem Willen gelegen haben, es wäre ihr bestimmt ein Leichtes gewesen, sich in die Klatschspalten vorzuarbeiten.

Vieles, was man von ihr weiß, scheinen wohldosiert gestreute Informationen zu sein. Danach geht sie alleine in der Stadt einkaufen, fährt einen vergleichsweise bescheidenen Audi A3 und spielt Golf mit 20 Jahre alten Schlägern. Sie hat vier Hunde, der kleinste ein Yorkshireterrier, der ihren Angaben zufolge ihren Beratern in die Waden beißt, von denen sie nach Meinung vieler viel zu viele hat. Das einzig Aufwendigere scheint das Ferienhaus in Kitzbühel zu sein.

Auch der neugewählte SPD-Bürgermeister von Herzogenaurach, German Hacker, der kürzlich einen CSU-Mann ablöste, bezeichnet Schaeffler als „bodenständig und bescheiden“. „So wie sie jetzt in der Öffentlichkeit dargestellt wird, erkennen wir sie nicht wieder.“ Das, was über sie bekannt und kolportiert wurde, klingt in Teilen durchaus widersprüchlich und manchmal schillernd. Die Medizinstudentin aus Wien brach mit 22 ihr Studium ab, als sie ihren späteren Mann Georg Schaeffler kennenlernte. Einer Anekdote zufolge wurde sie auf ihn aufmerksam, als sie im Stimmengewirr eines Empfangs den Unternehmer für Nadellager für einen Nagellackunternehmer hielt. Auch ein Betriebswirtschaftsstudium schmiss sie hin, obwohl ihr Mann ihr jeden Morgen den Wirtschaftsteil einer Zeitung hinlegte, um sie zu motivieren. Als Georg 1996 starb, rechnete niemand damit, dass die Frau den inzwischen großgewordenen Konzern leiten würde.

Maria-Elisabeth Schaeffler nahm die Herausforderung an. Kluge Übernahmen wie die von FAG Kugelfischer brachten ihr den Ruf einer „listigen Witwe“ ein. Mit der feindlichen Übernahme von Conti, die dem Konzern jetzt das Genick bricht, hatte sie eine wenig glückliche Hand.

Als ihr Sohn Georg stellvertretend für seine Mutter siegesbewusst vor die unterlegenen Conti-Manager trat, drohte er: „Wir kommen nicht als Bittsteller.“

Jetzt ist Schaeffler zum Bittsteller beim Steuerzahler geworden.

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