Porzellan-Boom in England : Geschirr royal

Das britische Königshaus erwartet Nachwuchs – und gleich das halbe Land ist guter Hoffnung. Denn mit der Geburt steigen auch die Umsätze vor allem bei den "Potters", der traditionsreichen Keramik-Industrie im Nordosten Englands.

Philip Oltermann
Handarbeit. In Stoke-on-Trent werden die Porzellan-Tassen und -Teller in Manufakturen hergestellt, denen es mit der steigenden Beliebtheit der Königsfamilie derzeit wirtschaftlich wieder besser geht. Sobald der Name des Kindes des Prinzenpaares von Wales bekannt ist, wird er nachgetragen.
Handarbeit. In Stoke-on-Trent werden die Porzellan-Tassen und -Teller in Manufakturen hergestellt, denen es mit der steigenden...Foto: dpa

Die Prototypen stehen schon in der Vitrine. Vorsichtig greifen George Botts Riesenpranken nach zwei filigranen Porzellantassen, sie verschwinden fast in seinen Handflächen. Bott dreht die Tassen mehrmals um die eigene Achse und klopft die Außenwand mit seinem Kugelschreiber ab. Das sei immer der letzte Schritt im Fertigungsprozess, sagt er. Wenn der Ton nicht glasklar ist, dann sei irgendwo ein Sprung im Porzellan. Man hält es eher klassisch bei der Firma Hudson & Middleton: blau mit Schnörkeln für einen Jungen, rosa mit Schnörkeln für ein Mädchen, beide tragen einen goldenen Schriftzug auf der Innenseite; „H.R.H.“ kann sowohl für „His“ als auch „Her Royal Highness“ stehen. Nur der Vorname, der könnte noch Probleme bereiten. Falls die Eltern William und Kate sich für einen mehrsilbigen Namen wie „Hermione“ oder „Montgomery“ entscheiden, dann wird der Platz auf der Tasse knapp.

Es sind noch gut zwei Monate bis zum Geburtstermin, aber in Großbritannien bereiten sich nicht nur die Häuser Windsor und Middleton auf den königlichen Nachwuchs vor, sondern mit ihnen das halbe Land. Wahrsager lassen sich von den Boulevardzeitungen für Prophezeiungen zum Geschlecht und Charakter des Kindes gut bezahlen. Wettbüros berechnen die Quoten für verschiedene Taufnamen („Alexandra“ liegt derzeit vorne). Und im Parlament arbeiten die Abgeordneten an einem neuen Gesetz, damit das „Royal Baby“ auch eine Chance auf die Thronfolge hat, wenn es denn ein Mädchen sein sollte.

Doch die größten Hoffnungen verknüpft wohl George Botts Branche mit dem königlichen Baby. Die Tradition will es so, dass die Keramikindustrie anlässlich jedes royalen Großereignisses – ob Jubiläum, Heirat, Tod oder Taufe – ein Gedenkset herausbringt. Es ist ein lukratives Geschäft. Vergangenes Jahr, zum Anlass der Olympischen Spiele und des „Diamond Jubilees“, dem 60. Jubiläum von Königin Elizabeth, brachte der Handel mit der Souvenirkeramik 300 Millionen Pfund ein – beim „Royal Baby“ erhofft man sich ähnliche Gewinne.

Handelsvertreter George Bott arbeitet seit 40 Jahren in der Keramikbranche, schon sein Vater saß im Vorstandsrat von Hudson & Middleton. Die Firma hat Tradition – der Name gilt seit 1875 als ein Garant für Qualität – hat aber ihre beste Zeit wohl hinter sich. Gerade einmal 25 Angestellte arbeiten noch in der kleinen Fabrik in dem etwas verkommenen Bezirk Longton der Stadt Stoke-on-Trent in Staffordshire. Ein unauffälliges Gebäude, nicht viel größer als ein Reihenhaus. Wenn sich der Handelsvertreter an die Geburt von Prince William vor 30 Jahren erinnert, dann lebt Bott auf. „In unserer Fabrik arbeiteten wir damals sieben Tage und Nächte durch, und die Leute wollten immer noch mehr. Die Tassen waren kaum gekühlt, da flogen sie uns schon aus dem Laden.“ Doch mit dem „Memorabiliengeschäft“, seufzt Bott, lasse sich schon lange nicht mehr so viel Geld wie früher verdienen.

Das mag stimmen, aber Bott jammert auf noch immer recht hohem Niveau. Die Royal-Souvenir-Industrie boomt gerade wieder einmal, vor allem im Ausland, in Amerika und Australien, sind die Teller, Tassen und Untersetzer gefragt. Bott erzählt, dass er Sammler kenne, die ihre Häuser ausgebaut haben, nur, damit sie mehr Platz für ihre Porzellansammlungen gewinnen. Besonders begehrt sind Unikate und Keramik, zu denen eine kuriose Geschichte gehört: Eine Tafelgeschirrkollektion von der Krönung Williams IV. beispielsweise brachte bei einer Versteigerung 10 000 Pfund ein – die Firma hatte so lange für die Produktion gebraucht, dass der Monarch bei der Lieferung schon wieder verstorben war.

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