Positive Publizistik : Italienische Zeitung bringt nur gute Nachrichten

Die Tageszeitung „Corriere della Sera“ legt wöchentlich 40 Seiten gute Nachrichten - „Buone Notizie“ - bei. Schönfärberei und Kitsch sollen vermieden werden.

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Die Lektüre von Zeitungen führt oft nicht zur Erheiterung des Gemüts. Der "Corriere della Sera" will daran etwas ändern. Foto: Sven Hoppe/dpa
Die Lektüre von Zeitungen führt oft nicht zur Erheiterung des Gemüts. Der "Corriere della Sera" will daran etwas ändern.Foto: Sven Hoppe/dpa

Mord und Totschlag, mafiöse Umtriebe und korrupte Politiker, Krieg und Flüchtlingsnot, Waldbrände und Erdbeben, Donald Trump und Virginia Raggi: Wer bei der täglichen Zeitungslektüre nicht den Mut verlieren oder zum Zyniker werden will, braucht inzwischen ein dickes Fell – nicht nur in Italien. Immer mehr Leserinnen und Leser fragen sich in Zuschriften an die Redaktionen, ob es neben all diesen Desastern und Abgründen eigentlich nichts Positives mehr gebe, worüber die Medien zur Abwechslung auch einmal berichten könnten.

Doch, das gibt es, sagte man sich beim „Corriere della Sera“. Am Dienstag hat das Traditionsblatt aus Mailand seiner Hauptausgabe erstmals eine neue, wöchentlich erscheinende Publikation mit dem Titel „Buone Notizie“ beigelegt. Der Name ist Programm: In der 40 Seiten umfassenden ersten Ausgabe sind ausschließlich gute Nachrichten zu lesen. Mit der neuen Beilage wolle man die von der Negativberichterstattung „verzerrte Realität“ wieder etwas gerade rücken, schreibt der Vize-Chefredakteur des Blattes, Massimo Gramellini. Er zitiert dabei den Sänger Andrea Bocelli, der ihm einmal gesagt habe: „Dass die menschliche Rasse noch nicht ausgestorben ist, liegt daran, dass die guten Taten die bösen überwiegen. Vielleicht nicht um viel, aber sie überwiegen.“

Auch die guten Nachrichten unterliegen den Gesetzen des Journalismus

So liest man in „Buone Notizie“ einen Bericht über die Kooperative „Quid“, die in Verona aus Stoffresten der großen Modehäuser eigene Designer-Kleider herstellt – mit ehemaligen weiblichen Strafgefangenen, Immigrantinnen und Frauen aus problematischen Familienverhältnissen. Eine weitere Reportage widmet sich einer Jugendband, in der auch Kinder mit Down-Syndrom musizieren: Ihr Übungslokal war im Mai 2012 vom Erdbeben in der Emilia-Romagna zerstört worden. Sie ließen sich nicht entmutigen, treten nun in den Gebieten auf, um den Menschen dort Mut zu machen.

Dass ihr Projekt eine Gratwanderung ist, ist den Machern von „Buone Notizie“ bewusst: Das ausschließliche Verbreiten guter Nachrichten kann leicht in Schönfärberei oder auch Kitsch abgleiten. Doch „die Berichte über das Gute haben ihren süßlichen Geschmack verloren und üben heute eine stimulierende Wirkung aus“, schreibt Gramellini.

Natürlich unterliegen auch die guten Nachrichten den Gesetzen des Journalismus. Kriterium einer Nachricht ist mitunter ihre Besonderheit, ihre Abweichung vom Normalfall. Eine gewisse Relevanz kann ebenfalls nicht schaden, ebenso ein Promifaktor. Letzteres funktioniert im Bericht über die toskanische Gefängnisinsel Gorgona, wo die Strafgefangenen unter der Anleitung des berühmten italienischen Weinproduzenten und Grafen Lamberto Frescobaldi Spitzenweine anbauen. Kellermeister hier ist der zu lebenslänglicher Haft verurteilte Berufskiller Benedetto Ceraulo, der 1995 in Mailand den Erben des Gucci-Modeimperiums, Maurizio Gucci, erschossen hatte. Durch die Geschichte hat sich auch in die „guten Nachrichten“die morbide Lust am Verbrechen eingeschlichen. Ihr Titel: „Der Graf und der Killer.“

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