Welt : "Post bellum": Ein hohes C, das ins Schweigen dringt

Hauke Hückstädt

"Post bellum" - was für Nachkriegszeiten sind das, aus denen Bei Dao seine Gedichte sendet? Und wie erreichen sie uns - Mörser oder Morsezeichen? Wie verstörend, wie verständlich sind diese Gedichte? Die ersten zwei Verse des Bandes pars pro toto für diese Lyrik: "Fremder als ein Unfall/ vollkommener als eine Ruine". Die Rezeption Bei Daos hat sich, da, wo sie Fremdheit und Vollkommenheit zu hoher, aber auch hermetischer Verskunst gebracht, vorfand, oft an der Dissidentenkarriere dieses chinesischen Schriftstellers zu halten versucht. Tatsächlich ist Bei Dao der derzeit einzige chinesische Exil-Schriftsteller, dem die Einreise in die alte Heimat noch immer verweigert wird. Nichts, so scheint es, fürchtet die chinesische Regierung mehr als die subversive Kraft seiner Verse, die während der Pekinger Frühlinge, sowohl also in den Jahren 78 - 80 als auch 1989 von der aufbegehrenden Jugend angeführt wurden.

Zhao Zhenkai (geb. 1949), so Bei Daos bürgerlicher Name, hat, nachdem er die Ereignisse vom Juni 1989 auf dem Pekinger Platz des Himmlischen Friedens als DAAD-Stipendiat in Berlin nur am Fernsehgerät verfolgte, als Poet viele Häfen angelaufen, bis er 1995 in Davis ankam, wo er an der University of California lehrt und nun mit der nachgefolgten Familie lebt.

Die Ohnmacht des Rebells

Wo Bei Daos erste in deutschen Übersetzungen erschienene Gedichtsammlung "Notizen vom Sonnenstaat" (Hanser, 1991) aufhörte, also bei einer Auswahl von Gedichten, die bis 1989 entstanden sind, da setzt nun "Post bellum" an. Es sind Gedichte aus dem letzten Jahrzehnt des alten Jahrhunderts.

Und Wolfgang Kubin, Bei Daos Übersetzer und der wohl unnachgiebigste deutsche Mentor für die chinesische Gegenwartsliteratur formuliert die Haltung dieses Nachkriegsmelancholikers so: "Der Rebell ist sich seiner Ohnmacht bewusst geworden. Zum einen fehlt ihm im Westen der Feind, zum anderen hat er bis heute nicht verlernt, seine physische und geistige Schwäche zu konstatieren. Weniger aus Bescheidenheit, wie Bei Dao meint, als vielmehr in Anerkennung der Tatsache, dass Fähigere vor ihm zerbrochen seien."

Gemeinsam mit dem jüngeren Kollegen Gu Cheng, der zusammen mit seiner Frau den Freitod wählte, gehört Bei Dao in seiner Heimat zu den im Rahmen von "Kampagnen gegen geistige Verschmutzung" meistkritisierten Dichtern. Bei Daos Situation scheint ein Nachkriegszustand der Auseinandersetzung mit der VR China zu sein, auf einem Posten, der nicht schmerzfrei ein Gefühl von Verlassenheit hinterlässt. Unter dem Gedichttitel "Der Posten" heißt es dann auch: "Ein Hirsch geht in die Falle/ Macht, spricht die Tanne, Kampf// Ich kenne das Geheimnis/ Mein Haar ist nun weiß/ Ich gehe in Rente - ich falle zurück/ und verlasse meinen Posten// Nur einen Schritt/ Nein, ganze zehn Jahre/ Mein Zeitalter hinter mir/ rührt plötzlich die Trommel".

Kreativität und Schmerz

Wohl auch aus dieser Sprechersituation heraus sieht Bei Dao gerade in den Gedichten Paul Celans etwas Leitmotivisches für seine eigene Arbeit. Der Schmerz, könnte das heißen, für den Celan sprachliche Lösungen gefunden hat, die als innovativ begriffen wurden, führt in der Lyrik Bei Daos, wo sich Privates und Politisches, persönliche Emotion und chinesische Tradition verbinden, zu einer neuen Kreativität. Man muss schon etwas wissen, um diese Gedichte zu dechiffrieren. Oder aber, genau diese Entschlüsselungen hintanstellend, sich auf ein voraussetzungsloses Lesen, das eher sehen will als analysieren, einlassen. Die Gedichte verfahren additiv. Sie schauen und erfassen ihre Welt summarisch. Beinahe jede Zeile führt dem Gedicht eine neue Perspektive, ein weiteres Sensorium zu.

Eines der eindrücklichsten Gedichte in dieser Auswahl führt das vor. Es ist, wie der Titel sagt, ein Gedicht "Für Tomas Tranströmer", den schwedischen Dichter, der wie Bei Dao regelmäßig als Aspirant für den Literaturnobelpreis im Gespräch ist. Drei Strophen, drei Tranströmer-Miniaturen, scheinbar unaufwendig hingezeichnet: eine Kirche im Pendeln der Glocken als "Herzstück".

Die Finsternis der Zukunft

Im Zentrum dann dieses gefährdete Bild: "Dein Klavier steht auf einem Hang/ Zuhörer halten es fest/ Ein Donnerschlag, ein Flug der Tasten/ Du sinnst, wie der letzte Zug der Nacht/ die Finsternis der Zukunft eingeholt hat". Und zum Ende dann der Dichter, ein Schauender: "Von einem Bahnhof mit blauen Räumen/ gehst du im Regen Pilze begutachten/ Sonne und Mond, Signallampen im Wald:/ Hinter siebenjährigem Regenbogen/ drängen sich Leute mit Automasken" - Additionen sind das, deren Summen mehrstellig hinter dem Komma sind. Das geht nicht glatt auf und das macht diese Kunst aus. Der Schmerz frisst die Bilder an. Aber auch: "Etwas öffnet sich", wie das gleichnamige Gedicht: "Mir träumt, ich trinke/ aus leerem Glas", so die resignativ verhangene Exposition des Gedichts, bevor es einen Zeitungsleser im Stadtpark einfängt, Überlegungen zu ihm anstellt und Verwandlungen konstatiert: die "Lampions in der Abendschule der Toten/ werden zu hellem Tee".

Die "Erinnerung", und das ist vielleicht die Kernzeile hier, "ist abschüssig". Das hieße wohl auch, dass sie nicht aufzuhalten ist, Fahrt aufnimmt, wie die "Lügen" von denen Bei Dao im nächsten Atemzug spricht, die zum "Schlächter" gleiten. Und: "Gleiten zu mir: zur leeren Bleibe."

Das einzige Ausrufezeichen

Abschließend aber geht ein Fenster auf "wie ein hohes C, das ins Schweigen dringt/ Erde und Kompaß drehen sich/ zur Geheimnummer -/ Es tagt!" Das ist dann auch schon das einzige Ausrufezeichen in diesem Gedichtband, und als solches ein versöhnliches, ein gestärktes Zeichen, für das sich Kubin an dieser Stelle entschlossen hat. Wer hatte noch gesagt, dass die verständliche Lyrik letztlich unverständlich sei? Aber das ist vielleicht auch egal. Das Frappierende ist, dass die Denk- und Wahrnehmungsentwürfe dieses Autors unter so schlichten Titeln wie "Heimatklänge", "Notausgang", "Autofahren" oder "Etüde" ausgebreitet werden.

1990 fasste der Autor Kong Jiesheng in einer ersten Nummer der polit-kulturellen Zeitschrift "Square Magazine" (Guangchang) die Situation chinesischer Schriftsteller so zusammen: "Wer nicht drinnen ist, ist draussen." Mit drinnen war der Knast gemeint. Und draußen, das ist das Exil. Die entscheidenden Diskurse werden derzeit noch von den Exilschriftstellern geführt und auch die Kommunikation mit den Schriftstellern Festlandchinas wird vorrangig von den Lyrikern aufrecht erhalten. Die von Bei Dao mitbegründete Literaturzeitschrift "Jintian" (Today) ist dafür eines der größten und wichtigsten Foren.

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