Präsidentenrede : Wulff: "Risse in unserer Gesellschaft"

"Deutschland muss Verschiedenheit aushalten": Anlässlich von 20 Jahren Einheit sprach Bundespräsident Christian Wulff in Bremen über Integration und Zusammenhalt, Rechte und Pflichten und die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig.

Bundespräsident Christian Wulff beim Festakt in Bremen am 3. Oktober.
Bundespräsident Christian Wulff beim Festakt in Bremen am 3. Oktober.Foto: dpa

Wir feiern heute, was wir vor 20 Jahren erreicht haben: Einigkeit und Recht und Freiheit für unser deutsches Vaterland. Wir erinnern uns an jenen epochalen Tag, wie ihn ein Volk nur selten erlebt. Ich denke an die Bilder aus Berlin, in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober. An die Menschen, die vor dem Reichstagsgebäude standen. An die gespannte Erwartung in den Momenten vor Mitternacht. An den Klang der Freiheitsglocke. An das Hissen der Fahne der Einheit. An die Nationalhymne. An das Glücksgefühl. An die Tränen. An den Zusammenhalt in diesem historischen Augenblick unserer Geschichte. Auch 20 Jahre später erfüllt mich dies mit großer Dankbarkeit.

Seit 20 Jahren sind wir wieder „Deutschland, einig Vaterland“. Doch was meint „einig Vaterland“? Was hält uns zusammen? Sind wir zusammengewachsen, trotz aller Unterschiede? Eine erste Antwort liegt auf der Hand: Es ist die Erinnerung an unsere gemeinsame Geschichte.

Zu ihr gehört, dass wir an alle denken, die diese Einheit möglich machten. An die Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler, die beharrlich gegen eine Diktatur Widerstand geleistet haben. Die verstorbene Bärbel Bohley war eine von ihnen. Sie hat gezeigt, was Mut bewegen kann und hat damit vielen Menschen Mut gegeben. „Nichts war uns zu groß, als dass wir es nicht angepackt, nichts war uns zu klein, als dass wir uns nicht darum gekümmert hätten.“ Das war so ein Satz von ihr. Er berührt mich bis heute. Ich verneige mich vor Bärbel Bohley. Ich verneige mich vor allen, die für die Freiheit gekämpft haben.

Die Kirchen gaben dem aufbrechenden Mut zur Freiheit ein Obdach. Viele Menschen fühlten: Es muss sich etwas ändern. Doch damit allein ändert sich nichts. Ich muss etwas ändern. Und es begann mit den Montagsgebeten und den Montagsdemonstrationen. Erst gingen wenige, dann immer mehr Mutige auf die Straßen, überall in Ostdeutschland. Es wurde zum „Wunder von Leipzig“. Mit seiner Wucht und seinem friedlichen Verlauf war es wirklich ein Wunder, ein Wendepunkt. Bewirkt von Menschen. Sie haben sich selbst aus der Diktatur befreit – ohne Blutvergießen. Der Freiheitswille der Menschen war immer da - ungebrochen. Doch jetzt war die Zeit da. Was 1953 noch von Panzern niedergewalzt wurde, konnte 1989 nicht mehr aufgehalten werden. Das ist die historische Leistung der Menschen. Ihr Mut hat die Welt beeindruckt.

Das Ausland war kritisch

Ohne die europäische Freiheitsbewegung ist die deutsche Einigung nicht denkbar. Nicht ohne die polnischen Arbeiter mit dem polnischen Papst im Rücken, Johannes Paul II., der vor Ort predigte „Fürchtet Euch nicht“. Die „Solidarność“ hat Stück für Stück ihre Freiheit erkämpft und damit letztlich auch unsere. Das sage ich besonders gerne hier in Bremen, der Partnerstadt von Danzig. Nicht ohne Michail Gorbatschow, der im Zuge von Glasnost und Perestroika den Machtanspruch der Sowjetunion aufgab, über andere Länder zu herrschen und so Selbstbestimmung ermöglichte. Nicht ohne die ungarische Regierung, die die Grenze als erste geöffnet hatte. Russen, Polen, Ungarn – das war ganz große Hilfe von Freunden, von denen wir es nicht erwarten konnten.
Wir erinnern an die Monate, in denen Volkskammer und Bundestag um die vielen kleinen Schritte zur Einheit Deutschlands rangen. Das war eine beispiellose Leistung von Politik und Verwaltungen in beiden Teilen Deutschlands.

Es gab Ängste und Widerstände. Vor allem im Ausland fragten sich viele, ob das gut geht, wenn es ganz Deutschland wieder gut geht. Wer wollte ihnen das verdenken, nach den von Deutschland ausgehenden Irrwegen, Schrecken und Katastrophen der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Wir sind unendliche dankbar

Weitsichtige Staatsmänner halfen, die Ängste und Widerstände zu überwinden: Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher gemeinsam mit Lothar de Maizière. Wegbereiter waren Konrad Adenauer, Willy Brandt und Helmut Schmidt. Sie alle haben Vertrauen geschaffen. Ohne dieses Vertrauen hätte es die Wiedervereinigung so nicht gegeben. Und auch nicht ohne unsere Freunde im transatlantischen Bündnis, die über 40 Jahre hinweg die Freiheit der Bundesrepublik und West-Berlins garantiert hatten. Die Unterstützung der Einigung durch George Bush sen. werden wir nie vergessen. Für all das sind wir unendlich dankbar.

Deutschland konnte als Ganzes wieder zum gleichberechtigten Mitglied der Völkergemeinschaft werden. Wir sind umgeben von Freunden. Welch ein großes Glück – für unser Land und für die Menschen. Aus zwei Staaten wurde einer. Das war nicht ohne Probleme. Aber es gab viel Solidarität. Westdeutsche machten sich im Osten und für den Osten stark, mit ihrem Fachwissen, ihrem Unternehmergeist und ihrer politischen Erfahrung. Die Ostdeutschen aber waren es, die den allergrößten Teil des Umbruchs geschultert haben, damit unser Land wieder zusammenfand. Sie mussten ihr Leben gewissermaßen von Neuem beginnen, ihren Alltag neu organisieren, Chancen nutzen. Sie haben es getan. Mit einer unglaublichen Bereitschaft zur Veränderung. Das ist nicht ausreichend gewürdigt worden.

Auch Gutes ging verloren

Viele konnten ihre Hoffnungen verwirklichen – endlich reisen, wohin sie wollten, das studieren und lesen, was sie wollten, diskutieren, was und mit wem sie wollten, sich frei für einen Beruf entscheiden oder sich mit ihren Ideen selbständig machen. Andere haben jahrelang um einen persönlichen Neuanfang gerungen. Manche bis heute.

Gewiss ist auch Erhaltenswertes verloren gegangen. Unendlich Wertvolles wurde jedoch gewonnen: die Erfahrung der Menschen, dass sie mit ihrem Mut zur Veränderung ihr Leben in Freiheit gestalten konnten. Damit haben sie der deutschen Geschichte ein wichtiges Kapitel hinzugefügt. Damit haben sie aus ganz Deutschland ein anderes Deutschland gemacht. Damit haben sie vorgelebt, wie Umbrüche zu meistern sind, für das persönliche Glück wie für unseren Zusammenhalt. Damit kommen wir zur zweiten Antwort auf unsere Frage: „Deutschland, einig Vaterland“? Was heißt das heute? 20 Jahre nach der Einheit stehen wir vor der großen Aufgabe, mit dem Mut zur Veränderung neuen Zusammenhalt zu finden in Deutschland, in einer sich rasant verändernden Welt. Denn in dieser Welt ist das Versprechen alter Gewissheiten trügerisch.

Unser Land ist offener geworden, der Welt zugewandter. Vielfältiger – und unterschiedlicher. Alltag und Lebensentwürfe haben sich gewandelt. Die Gründe kennen wir: weltweiter Wettbewerb, globale Handelswege, neue Technologien, grenzenlose Kommunikation, Zuzug von Einwanderern, demographischer Wandel und – ja, auch das, neue Bedrohungen von außen. Lebenswelten driften auseinander: die von Alten und Jungen; Spitzenverdienern und denen, die vom Existenzminimum leben; von Menschen mit und ohne sicherem Arbeitsverhältnis; von Volk und Volksvertretern; von Menschen unterschiedlicher Kulturen und Glaubensbekenntnisse.

Das Land muss Verschiedenheit aushalten

Manche Unterschiede lösen Ängste aus, leugnen dürfen wir sie nicht. Doch trotzdem kann gar nicht oft genug gesagt werden: Ein freiheitliches Land wie unseres – es lebt von Vielfalt, es lebt von unterschiedlichen Lebensentwürfen, es lebt von Aufgeschlossenheit für neue Ideen. Sonst kann es nicht bestehen. Zu viel Gleichheit erstickt die eigene Anstrengung und ist nur um den Preis der Unfreiheit zu haben. Das Land muss Verschiedenheit aushalten. Es muss sie wollen. Aber: Zu große Unterschiede gefährden den Zusammenhalt. Daraus folgt für mich: Vielfalt schätzen, Risse in unserer Gesellschaft schließen – das bewahrt vor Illusionen, das schafft echten Zusammenhalt. Das ist Aufgabe der „Deutschen Einheit“ - heute!
1989 haben die Ostdeutschen gerufen: „Wir sind das Volk, wir sind ein Volk!“ Das rief ein Nationalgefühl wach, das lange verschüttet war – aus nachvollziehbaren historischen Gründen. Inzwischen ist in ganz Deutschland ein neues Selbstbewusstsein gewachsen, ein unverkrampfter Patriotismus, ein offenes Bekenntnis zu unserem Land, das um die große Verantwortung für die Vergangenheit weiß und so Zukunft gestaltet. Dieses – im Sinne des Wortes – Selbst-Bewusstsein tut uns gut. Es tut auch unserem Verhältnis zu anderen gut: Denn wer sein Land mag und achtet, kann besser auf andere zugehen.

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