Prävention : Experte: Schulen ignorieren Amok-Gefahr

Ein Präventionsexperte wirft den Schulen in Deutschland vor, die Bedrohung durch Amokläufe zu ignorieren. Anschläge könnten verhindert werden, wenn die Andeutungen der potenziellen Täter richtig gedeutet würden.

Berlin Angesichts der in den vergangenen Jahren gestiegenen Zahl von Amokläufen oder Androhungen solcher Taten sei das Verhalten der Schulleiter und Lehrer "verheerend", sagte Frank Robertz, der wissenschaftliche Leiter des Berliner Instituts für Gewaltprävention und angewandte Kriminologie. Während die Polizei bundesweit reagiert habe und sich in Fragen der Prävention fortbilde, herrsche an den Schulen Fehlanzeige. Dort werde auch nach dem Erfurter Schulmassaker von 2002 oder der Tat von Emsdetten im vergangenen Jahr weitergemacht wie vorher.

Laut Robertz belegt die wissenschaftliche Analyse von Amokläufen an Schulen, dass es sich bei allen Tätern um verzweifelte, ausgeschlossene Jugendliche handle, die alles in sich hineinfressen - bis es irgendwann zum Ausbruch komme. Aber auch diese in sich gekehrten Täter hätten alle im Vorfeld zahlreiche Hinweise auf die bevorstehende Tat gegeben.

"Durchgetröpfelte" Andeutungen

Über selbstgedrehte Videos, Zeichnungen, Gespräche mit Mitschülern oder sogar Schulaufsätze seien diese Andeutungen "durchgetröpfelt". "Durch dieses Wissen können Taten verhindert werden." Dafür sei es aber notwendig, diese Informationen wahrnehmen und einordnen zu können, sagte Robertz, der nach eigenen Angaben zusammen mit dem Darmstädter Psychologen Jens Hoffmann der einzige Experte in Deutschland ist, der Präventionskurse zur Verhinderung von Schulamokläufen veranstaltet.

Wie Robertz weiter sagte, stieg seit dem Amoklauf von zwei Jugendlichen an der Columbine-Schule in Littleton im US-Bundesstaat Colorado im Jahr 1999 die Zahl der Schulamokläufe und entsprechender Androhungen auf der ganzen Welt an. Es habe zudem, oft infolge von Presseberichterstattung, eine Angleichung bei den Inhalten und Daten der Taten gegeben. So sei nach Columbine der Eindruck entstanden, die Schüler hätten sich für eine vermeintliche Unterdrückung rächen wollen. Dieses Element der Rache ziehe sich durch die Folgetaten. Von den Daten her gebe es häufig Wiederholungen zu Jahrestagen. Außerdem gebe es in den sechs Wochen nach einer solchen Tat entweder neue Amokläufe oder aber Androhungen davon, was durch die umfassenden Presseberichte mit ausgelöst werde. (mit AFP)

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