Welt : Priester des Todes

In Argentinien muss ein Geistlicher wegen Menschenrechtsverletzungen lebenslang in Haft – das hat es noch nicht gegeben

Philipp Lichterbeck

Berlin - In einem bis zum Ende dramatischen Prozess hat ein Gericht in Buenos Aires den katholischen Priester Christian Federico von Wernich wegen Menschenrechtsverletzungen zu lebenslanger Haft verurteilt. Erstmals wurde damit ein Geistlicher für seine Beteiligung an den Verbrechen der Militärdiktatur, die in Argentinien zwischen 1976 und 1983 herrschte, zur Verantwortung gezogen.

Im Gerichtsgebäude und auf der Straße davor brach noch während der Verlesung des Urteils Jubel aus, denn die Richter bewerteten die Taten von Wernichs als Beihilfe zum „Völkermord“, eine Bewertung, die auch in Argentinien umstritten ist. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass der ehemalige Kaplan der Polizei von Buenos Aires Beihilfe zu sieben Morden, 31 Fällen der Folter und dem Verschwinden von 41 Oppositionellen geleistet habe oder mitverantwortlich sei. Den 69-Jährigen mit dem grauen Haarkranz schienen die Vorwürfe bis zum Schluss nicht anzufechten. Millionen von Argentiniern konnten live im Fernsehen verfolgen, wie er mit schusssicherer Weste und dem weißen Kragen des Geistlichen jede Schuld von sich wies. Stattdessen griff Wernich die Zeugen scharf an, die ausgesagt hatten, dass er in den Haftanstalten der Provinz Buenos Aires ein und aus gegangen sei. „Das falsche Zeugnis ist der Dämon, denn es ist voll von Arglist“, wetterte er in seiner letzten Erklärung. Er fügte an, dass während der letzten 2000 Jahre noch nie ein Priester der römisch-katholischen Kirche die Sakramente verletzt habe. Immer wieder zitierte er Stellen aus der Bibel, die von Vergebung handelten.

Der Verteidiger Wernichs hatte argumentiert, dass die Vorwürfe der Anklage übertrieben seien. Sie bezeichneten den Prozess als ideologisch motivierten Angriff auf die katholische Kirche.

Der Vorsitzende Richter Carlos Rozanski und die große Menschenmenge, die zur Urteilsverkündung erschienen war, teilten diese Auffassung nicht. Vor dem Gebäude fielen sich nach der Verkündung der lebenslangen Strafe Angehörige von Opfern und Menschenrechtsorganisationen erleichtert in die Arme, Tränen flossen. „Heute ist ein Tag der Gerechtigkeit. Es ist eingetroffen, was wir erhofft hatten“, sagte der Anwalt der Familie von Jacobo Timerman der Zeitung „Pagina/12“. Der Journalist Timerman war eines der bekanntesten Opfer Wernichs. Er war während der Diktatur entführt worden. Zur Anspannung hatte am letzten Prozesstag ein anonymer Anrufer beigetragen, der vor einer Bombe im Gerichtsgebäude warnte. Die Richter unterbrachen die Verhandlungen für vier Stunden und schickten die Zuschauer in den strömenden Regen, der auf Buenos Aires niederprasselte.

Die Verurteilung von ehemaligen Angehörigen der argentinischen Sicherheitskräfte, die für Folter und den Tod von bis zu 30 000 Menschen verantwortlich sind, war lange Zeit in dem südamerikanischen Land keine Selbstverständlichkeit. Erst der jetzige, linksgerichtete Präsident Nestor Kirchner hat die Amnestie aufgehoben, die für staatliche Folterer, Mörder und ihre Komplizen seit den achtziger Jahren galt.

Die argentinische Bischofskonferenz ließ nach dem Urteil verlauten, dass Angehörige der katholischen Kirche, die im Unterdrückungsapparat mitgewirkt hatten, rein persönlich dafür verantwortlich seien. Das ist allerdings eine Beschönigung der komplizenhaften Rolle der Kirche während der Diktatur. Trotz des Urteils darf Wernich weiter Messen zelebrieren.

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