Projekt in Ägypten : Wein in neuen Schläuchen

Der Deutsch-Ägypter Karim Hwaidak pflanzt am Nil Reben – in einer streng muslimischen Welt. Von diesen und anderen Problemen lässt er sich sich nicht abhalten.

Moritz Honert[Khatatba]
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Ein einzelner Regentropfen fällt auf Karim Hwaidaks Brille. Langsam läuft der Tropfen über das rechteckige rahmenlose Glas. Der 50-jährige Deutsch-Ägypter muss lachen. Gerade erst hat er erklärt, dass es hier im Nildelta fast nie regne und er deshalb zur Bewirtung seines Weinberges ein Bewässerungssystem installieren musste.

„Weinberg“, sagt Hwaidak, obwohl nirgendwo auch nur ein Hügel zu sehen ist. Flach wie ein Brett ist das 50 Hektar große Anbaugebiet in Khatatba, 60 Kilometer nördlich von Kairo. Rund 200 000 Reben stehen hier – mitten in der Wüste.

„Das Klima ist kein Problem“, sagt Hwaidak, der braungebrannt durch die hüfthohen Reben läuft. „Im Gegenteil. Das Wetter ist geradezu ideal, weil völlig berechenbar.“ Inzwischen scheint wieder die Sonne. Gleichbleibend warme Temperaturen von im Sommer rund 34 Grad, trocken und dank der künstlichen Bewässerung lässt sich auch das Wachstum der Pflanzen punktgenau steuern. Dass einem hier ein zweiwöchiger Dauerregen die Ernte versaut, sei eigentlich nicht möglich. Außerdem wachsen die Reben schneller. „Die hier ist drei Jahre alt“, sagt Hwaidak und beugt sich zu einem besenstieldicken Stamm hinab. „In der Toskana, wo ich wohne und auch zehn Hektar Wein anbaue, werden die erst nach sechs Jahren so dick.“

Weinanbau hat in Ägypten Tradition. Schon in den Gräbern der Pharaonenzeit finden sich Reliefs, die vom Weinanbau zeugen. Nachdem zeitgenössischer ägyptischer Wein unter Kennern einen katastrophalen Ruf innehatte, sorgten die Weine Hwaidaks bei der einheimischen Hotellerie für kollektives Aufatmen. „Die Weine haben eine klare Linie und sind fruchtig“, sagt Markus Röder, stellvertretender Direktor im JW Marriott Hotel in Heliopolis, wo Hwaidaks Wein in diesen Wochen zum ersten Mal auf die Karte gesetzt wird. „Kein Vergleich mit den bisherigen ägyptischen Kopfschmerz-Erzeugnissen“, sagt Röder. Die werden meist aus Konzentrat oder Tafeltrauben hergestellt und dann hauptsächlich an Pauschaltouristen in All-Inclusiv-Hotels ausgeschenkt – von denen übrigens auch Hwaidaks Familie einige besitzt.

Seit 2007 produziert Karim Hwaidak – studierter Hotelmanager, geboren in Dortmund und aufgewachsen in Kairo – in Ägypten Wein. Hier im Nildelta hat er 2004 die ersten Reben gepflanzt, inzwischen ist ein 200 Hektar großes Weingut in der Nähe von Luxor dazugekommen. Dort wird dieses Jahr zum ersten Mal produziert. „Mir gefiel die Herausforderung“, sagt er.

Momentan schafft Sahara Vineyards, Hwaidaks Firma, 60 000 Flaschen pro Jahr. 500 000 sollen es einmal werden, dann sei Schluss. „Ich will keinen Massenbetrieb“, sagt der Winzer. Überschüssige Beeren verkauft er schon jetzt an Al-Ahram-Beverages, den inzwischen in den Besitz von Heineken übergegangenen Ex-Staatsbetrieb, auf dessen Konto unter anderem die Produktion des berüchtigten Weins „Obelisk“ geht. Auf dem Gelände von Al-Ahram-Beverages werden Hwaidaks Weine auch gekeltert. Allerdings in eigenen Tanks und unter der Aufsicht von spanischen Beratern, die regelmäßig nach Ägypten kommen. Hwaidak schätzt die Spanier für ihre Experimentierfreude.

Die sei wichtig. Noch befänden sie sich hier nämlich in der Probierphase. Insgesamt 30 Traubensorten pflanzt Hwaidak derzeit an. 16 Rote, 14 Weiße, aus Frankreich, Spanien, Italien. Bis dato sind drei Weißweine dabei herausgekommen: ein Viognier, ein Chenin Blanc und ein aus roten Trauben gekelterter Blanc de Noirs, alle benannt nach Hwaidaks Sohn Caspar. 85 Ägyptische Pfund (zwölf Euro) kosten die Flaschen. Aber wegen der hohen Alkoholzölle von 300 Prozent sind sie damit immer noch deutlich billiger als jeder vergleichbare importierte Wein. Im März wurde der erste Rotwein abgefüllt. Das nächste Projekt ist ein süßer Dessertwein.

Probleme bereitet Hwaidak momentan eigentlich nur das gesellschaftliche Klima. Für viele Moslems ist der Genuss von Alkohol „haram“, also verboten. „Von einem Produktionsverbot steht im Koran zwar nichts“, sagt Hwaidak, aber der seit den neunziger Jahren deutlich erstarkte religiöse Konservativismus lasse viele Moslems überkorrekt werden. In seiner Kindheit sei es in Ägypten noch völlig normal gewesen, Alkohol zu trinken. Er selbst isst auch Schweinefleisch. Erst kürzlich aber wollte er für sein Gut in Luxor zwei Kühlhäuser bauen. Doch nach zwei Tagen Bedenkzeit sprang der Architekt ab. Religiöse Bedenken. Und Al-Ahram-Beverages habe vergangenes Jahr sogar Probleme gehabt, genügend Trauben für die eigene Herstellung aufzukaufen. Die Bauern weigerten sich, ihre Früchte für die Alkoholproduktion herzugeben.

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