Welt : Projekte gegen Amokläufe in Deutschland

Experten erkennen Anzeichen bei Schülern

Mareike Aden

Die Nachricht über den erneuten Amoklauf an einer amerikanischen Schule weckt Erinnerungen an den 26. April 2002. An diesem Tag erschoss der 19-Jährige Robert Steinhäuser im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen, bevor er Selbstmord beging.

Muss sich auch Deutschland vor weiteren Taten dieser Art fürchten? Der Erziehungswissenschaftler Hans Merkens von der Freien Universität Berlin sagt: „Gewalttaten wie diese sind in Europa und Deutschland in diesem Maße nicht zu erwarten.“ An amerikanischen Schulen sei das Gewaltpotenzial höher. Laut Merkens sind die großen sozialen Widersprüche in der amerikanischen Gesellschaft Grund für die Häufung von Schulmassakern. Die Täter, oft Einzelgänger und Außenseiter, wollen sich für Ignoranz und Demütigungen durch die Mitschüler rächen. Anstatt sich auf Selbstmord zu beschränken, stürmen sie bewaffnet in die Schule, töten erst andere und dann sich selbst. „Seit dem ColombineMassaker von 1999 ist die mediale Aufmerksamkeit riesig“, sagt Harald Wenzel vom Institut für Nordamerika-Studien der FU Berlin. Das beschere Tätern die erwünschte „Unsterblichkeit“. Die niedrige Hemmschwelle für den Umgang mit Schusswaffen in den USA führt laut Wenzel dazu, dass Rachephantasien Realität werden. Der Vorfall in Minnesota ereignete sich in dem Indianer-Reservat Red Lake. „Das ist eine andere, von Perspektivlosigkeit geprägte Welt“, sagt Wenzel. Mit der Situation in Deutschland sei das nicht zu vergleichen. Dennoch: „Ganz ausschließen kann man solche Gewalttaten auch hier nicht“, sagt Hans Merkens.

Herbert Scheithauer, Professor für Entwicklungspsychologie an der FU Berlin, beschäftigt sich mit Gewalt an Schulen – und deren Prävention. Sein Spezialgebiet sind so genannte „Leaking“-Dokumente. „Die kündigen an: Hier passiert bald was“, erklärt Scheithauer. Das können schriftliche Mitteilungen an Lehrer und Mitschüler, Zeichnungen auf Tischen und Schulheften, aber auch konkrete Drohungen sein. Die hat es auch in Minnesota gebeben: In Internetforen nannte der Täter sich „Todesengel“.

Derzeit baut Scheithauer in Bremen ein Projekt auf, das Schulen helfen soll, zwischen blühender Phantasie und akuter Gefahr zu unterscheiden. „Wenn ein Schüler auch in seinem sonstigen Verhalten auffällig ist, muss man die Hinweise ernst nehmen“, so Scheithauer, der auch in Berlin eine entsprechende Arbeitsgruppe initiiert. Nachdem sich die Bremer Arbeitsgruppe in Schulen vorgestellt hatte, wurden „Leaking“-Dokumente bei ihnen abgegeben: Zwei Jugendliche sind nun in psychiatrischer Behandlung.

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