Welt : "Promenade in Jalta": Die doppelte Zeit

Katharina Narbutovic

Versunkene Städte in einer untergegangenen Welt sind es, von denen Karl Schlögel erzählt. Städte, die einst die besondere Atmosphäre Mittel- und Osteuropas ausgemacht haben und die heute die Aura des Unwiederbringlichen umfängt. Städte, die wir nicht mehr aus eigener Anschauung kennen, deren Klang allein aber schon Bilder in uns wachruft.

Wer denkt nicht sofort an die berühmte Treppe aus Sergej Eisensteins Film "Panzerkreuzer Potjomkin", wenn er den Namen Odessa hört, an Gedichte von Paul Celan und Rose Ausländer, wenn von Czernowitz die Rede ist, an ein Zentrum osteuropäischen Judentums inmitten einer barocken Altstadt, wenn es um Wilna geht. Die Städte gibt es bis heute, aber der Geist des Ortes ist ein anderer geworden. Eine Welt ist zwischen 1914 und 1945 untergegangen.

Karl Schlögel beschwört in seinem Buch "Promenade in Jalta. Östliche Städtebilder" die Vergangenheit herauf und erweckt sie zu neuem Leben. Wenn er zu erzählen beginnt, ist es, als säße man im Kino in einem Schwarzweißfilm, in dem sie alle noch einmal vorbeiziehen: das bürgerliche Breslau und Wladiwostok, Russlands Hafenstadt im äußersten Osten, die zu Gründerzeiten Glücksritter und Kaufleute anlockte - heute eine Stadt mit verwaistem Hafen, berüchtigt für dunkle Geschäfte und zerstörte Natur; Nidden auf der Kurischen Nehrung mit seinen hohen Dünen, in denen Thomas Mann umherspazierte und an "Joseph und seine Brüder" schrieb und Jalta, der "Badeort der vornehmen Welt" an der Krim, der zu Zarenzeiten alle anzog, die Rang und Namen hatten, und später als "Rote Riviera" für Generationen von Sowjetbürgern zum Urlaubsparadies wurde.

Blick hinter die Fassaden

Doch Karl Schlögel geht es nicht um Nostalgie, sondern um die Gegenwart und den Aufbau des neuen Europa: "Wer neu baut, vergewissert sich des Terrains und der Umgebung, in die er sich einfügen oder die er überbieten will. So wird die Stunde der Konstruktion auch die Stunde der Rekonstruktion und die Orientierung auf die Zukunft zum Moment der Vergegenwärtigung der Vergangenheit." Und wer die Vergangenheit kennt, kann auch Perspektiven für die Zukunft entwickeln. Mit Baedeker-Reiseführern, Stadtplänen, Adressbüchern, Ansichtsmaterial und literarischen Zeugnissen hat sich Karl Schlögel auf die Reise gemacht. Und mit der besonderen Gabe, das hinter dem Augenfälligen Liegende zu sehen.

Bei Italo Calvino heißt es, eine Stadt enthalte die Vergangenheit "wie die Linien einer Hand, geschrieben in die Straßenränder, die Fenstergitter, die Brüstungen der Treppengeländer, die Blitzableiter, die Fahnenmasten, jedes Segment seinerseits schraffiert von Kratzern, Sägespuren, Einkerbungen, Einschlägen." In diesem Sinn begreift Karl Schlögel "Räume und Orte" als "Dokumente sui generis", wandert durch Städte und Landschaften und "liest im Raum die Zeit" - zumal es die einstigen Bewohner nicht mehr gibt.

Vilnius als Horrorgeschichte

Vilnius, die Hauptstadt des heutigen Litauens, einst Wilna geheißen und von Litauern, Polen, Russen, Deutschen und Juden bewohnt, liest sich für Karl Schlögel beispielsweise wie eine Horrorgeschichte. Eine Altstadt mit einander an Prunk und Größe überbietenden Kirchtürmen, ein "Gewirr von Häusern und Gebäuden, zu einem einzigen Gebäude verwachsen", und doch trügt "die schöne Unversehrtheit". Die Altstadt ist zu ruhig; die Menschen, die im Herzen der Stadt gelebt haben, sind verschwunden. Eine Stadt hat zugesehen, wie die Nationalsozialisten die Wilnaer Juden umgebracht haben. "Eine ganze Altstadt als Schlachthaus, eine nur wenige Kilometer entfernte Bahnstation als das erste Vernichtungslager." Eine schöne Stadtsilhouette mit unzähligen Bet- und Gotteshäusern wurde zum stummen Zeugen dieser Ereignisse und hat die Unschuld verloren. "Sie haben alles gesehen: Das Ghetto war nicht nur umstellt von Stahlhelmen und Maschinengewehren, sondern von jahrhundertealten Augen- und Ohrenzeugen."

Stadtgeschichte ist hier auf einen Punkt zugeschrieben, an dem sich der genius loci offenbart. Das ist das Prinzip, nach dem alle 25 Porträts zwischen 1988 und 2000 entstanden sind. Anhand von Schlögels Spurensuche wird noch etwas anderes deutlich: Die untergegangene Welt Mittel- und Osteuropas kann ein Modell für das Miteinander der Kulturen in einem künftigen Europa sein. Da "sprachliche und kulturelle Grenzen nur selten mit den Grenzen des staatlichen Territoriums übereinstimmten", sind die mittel- und osteuropäischen Städte und Landstriche von einem multinationalen, multikonfessionellen und multikulturellen Leben geprägt. Welchen in "Promenade in Jalta" beschriebenen Ort man auch nimmt: Das Zusammenleben funktionierte. In Riga zum Beispiel deshalb, weil sich die Hafenstadt "nie landsmannschaftlich oder durch Volkszugehörigkeit, sondern als Ort des Erfolgs" definierte. In der polnischen Textilmetropole Lodz funktionierte es, weil die polnisch-deutsch-jüdische Bevölkerung "die Spannungen nicht nur ausgehalten, sondern aus ihnen etwas gemacht" hat. Zivilgesellschaft und Kompromiss als Lebensform.

Europa tickt nach zwei Uhren

Europa wächst zusammen, und das neue "Central Europe" will in die EU. Trucker und Handelsreisende waren in den letzten zehn Jahren in beide Richtungen unterwegs und haben als Pioniere das Terrain erkundet. In Moskau, Warschau, Prag oder Budapest herrscht längst der Zeittakt der transatlantischen Welt. Von Berlin aus führen Korridore in die mittel- und osteuropäischen Metropolen. "Im Korridor herrscht CNN-Zeit. Wer den Korridor verlässt, fällt aus der CNN-Zeit heraus. Während im Korridor die zivile Armada der Trucks rollt, leuchtet in der Dunkelheit, die jenseits des Korridors herrscht, der Mond. Tau fällt. Irritiert schauen die Störche aus ihren Nestern auf den Telegraphenmasten auf den Lärm."

Der Kontinent lebt in zwei Zeitaltern, er wird von unterschiedlichen Zeitmaßen bestimmt. Karl Schlögel zeigt nicht nur, dass "diese Ungleichzeitigkeit der Zeit" für das zusammenwachsende Europa eine Gefahr ist, weil sich in den Zonen außerhalb des Korridors der Neid und die Wut der Zurückgebliebenen ansammelt. Beim Lesen der Städteschicksale wird deutlich, dass es neben allem aktuellen Interesse an einer "gleichen Spurbreite" für ganz Europa auch eine geschichtliche Verantwortung gibt. Insbesondere für Deutschland. Wenn das alte Mittel- und Osteuropa nicht mehr existiert, so hat das auch mit der Vertreibungs- und Vernichtungspolitik der Nationalsozialisten zu tun.

Karl Schlögel schreibt gegen die westliche Überheblichkeit an, sich Pauschalurteile über Mittel- und Osteuropa erlauben zu wollen, ohne je da gewesen zu sein. Auch wenn die Porträts nicht eigens für das Buch geschrieben und einzeln bereits in Zeitungen oder Büchern publiziert worden sind, so hat die Zusammenstellung doch ihren Sinn. Das Zusammenspiel der verschiedenen Texte vermittelt etwas vom "Schicksal der Zivilgesellschaft im Mitteleuropa des 20. Jahrhunderts". Es lässt erahnen, wie viel in den Jahren zwischen 1914 und 1945 zerstört wurde.

Schlögel, Professor für Osteuropäische Geschichte an der Europa Universität Viadrina in Frankfurt/Oder formuliert durch das Buch einen Wunsch an sein Fach: ein gesamteuropäisches, interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Thema "Europa der Flüchtlinge" zu initiieren, das die Flucht- und Umsiedlungsbewegungen sowie die Zerstörung von Siedlungs- und Kulturräumen im 20. Jahrhundert untersucht. Darin hätte auch die deutsche Erfahrung der Vertreibung aus dem Osten einen Ort.

"Promenade in Jalta" ist - wie alle anderen Bücher Karl Schlögels - ein einziges Plädoyer für Neugier auf Mittel- und Osteuropa. Und es macht Lust auf das jetzt entstehende Europa. Wer mit Karl Schlögel im Kopf gereist ist, der möchte bereichert die Koffer packen und selber losfahren, um wie er Städte und Landschaften zu lesen.

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