Provozierende Kunst : Wie Gott ihn schuf

Nackter Papst, nackte Politiker. Der Bildhauer Peter Lenk will provozieren. Das geht heutzutage noch.

Susanne Stiefel
Der nackte Papst in der Tourismuszentrale im Konstanzer Hauptbahnhof musste fortgeschafft werden.
Der nackte Papst in der Tourismuszentrale im Konstanzer Hauptbahnhof musste fortgeschafft werden.Foto: picture alliance / dpa

Es riecht nach Farbe und Geschäftigkeit. Peter Lenk gibt dem Teufel noch schnell eine etwas hellere Note. „Der muss mehr leuchten“, sagt der Bildhauer und trägt vor seiner Werkstatt in Bodman noch etwas cremige Farbe auf eine seiner Figuren auf. Fertig. Gleich wird das etwas andere Papamobil, das hier Gauklermobil genannt wird, auf die Reise gehen. Erste Station des Figurenensembles aus nacktem Papst, Teufel und vier Engeln ist das Kloster Birnau. Die Köpfe der zahlreichen Touristen entlang der Bodensee-Straße folgen dem rollenden Kunstwerk wie mit der Schnur gezogen.

Der Himmel meint es gut mit dem Papst. Nur wenige Wolken kleben am blauen Firmament. Kaiserwetter am Bodensee. Bilderbuchkulisse vor dem rosaroten Kloster Birnau. Hier wirkt das provokative Figurenensemble wie ein Splitter im Auge. Schließlich hatte auch hier ein Mönch einen Jungen missbraucht. „Wir wollen erreichen, dass der Vatikan wieder einen päpstlichen Hofnarren einstellt, der ihm ungestraft die nackte Wahrheit sagen kann“, verliest der Organisator der Papsttour und Mitarbeiter des Kunsthauses Weiz, Johan Maden, in getragenem Tonfall. „Ist das hier eine Prozession?“, fragt eine Touristin neugierig. „Ja, eine ganz heilige“, versichert Peter Lenk mit treuherzigem Augenaufschlag. Die Touristen am Kloster sind begeistert. Die Verantwortlichen weniger. Das sei Privatgrund, sagt eine Klostermitarbeiterin, „fahren Sie hier sofort weg“. Das Geschenk des Künstlers, ein Ablasströpfchen, gebrannt aus bester Williams-Christ-Birne, schlägt sie entrüstet aus. Der runzlige Nackte mit Papstkrone wird auch von hier vertrieben.

Peter Lenk, von „Bild“ zum „Skandalkünstler“ ernannt, hat wieder zugeschlagen. „Ich danke meinen Gegnern für ihren heldenhaften Einsatz“, sagt er. In Konstanz hatte seine nackte Figur heftige Turbulenzen auch in der Politik verursacht, als die dortige Touristen-Information (TIK) ihre Dependance am renovierten Bahnhof mit einer Lenk-Figur verschönerte. Doch als „Bild“ in dem nackten Papst, der schon seit Jahren in den Händen der Konstanzer Imperia thront, „Papst Benedikt splitterfasernackt“ erkannt haben wollte, ging ein Sturm der Entrüstung los. Das Treiben des Herrn Lenk mache nicht einmal vor religiösen Gefühlen halt, empörte sich der baden-württembergische CDU-Generalsekretär Thomas Strobl. Und Landesinnenminister Heribert Rech sagte, Kunst dürfe sich nicht die Freiheit nehmen, „widerwärtig“ zu sein.

Bußfertig packte die Tourismus-Information Lenks Figur ins stadteigene Depot. Schließlich will man in der Bodenseestadt 2014 das 600-jährige Jubiläum des Konstanzer Konzils feiern und dazu gerne den deutschen Papst als Gast begrüßen. Da stören solche Irritationen. Das hat dem Künstler nur eine schlaflose Nacht bereitet. Dann holte er zum Gegenschlag aus. Er hat in vier Wochen unermüdlicher Arbeit sein etwas anderes Papamobil gebaut, das nun auf dem Weg nach Österreich ist.

Auch in Berlin ist das Enfant Terrible vom Bodensee kein Unbekannter. Seit sein Relief „Friede sei mit dir“ die Ostfassade der „taz“ ziert, ist der 63-Jährige auch in der Hauptstadt bekannt. „Der Pimmel über Berlin“, wie das Lenksche Geschenk an die „taz“ bald genannt wurde, löste selbst hier Aufregung aus. Nicht zuletzt deshalb, weil der Chefredakteurinnenwechsel von Bascha Mika zu Ines Pohl dazu geführt hatte, dass die Neue nichts von der geplanten Aktion wusste. Die deftige Anspielung auf den sogenannten Penisprozess von 2002, in dem „Bild“-Chef Kai Diekmann gegen eine Satire in der „taz“ geklagt hatte, war nicht nach dem Geschmack von Ines Pohl. Sie will ihr Fahrrad nicht jeden Morgen unter einem mächtigen Geschlechtsteil parken, ganz gleich, wem es gehören mag. Nicht immer kommen Geschenke gut an. Diese unerwartete Front hat selbst Peter Lenk, bei dem Anecken zum Programm gehört, verblüfft. Und dazu gehört einiges.

Dieser Mann ist heftige Reaktionen gewöhnt. Er sammelt sie wie andere Briefmarken, presst sie in Ordner, zieht sie immer wieder stolz als Beweis heraus. Gestern war es der Berliner Penisstreit, zur Fußball-WM der Unions-Fraktionschef Volker Kauder, den er mit Bananenröckchen à la Josephine Baker für Afrika tanzen lässt. Und heute eben der nackte Papst. Auch er wird wieder einen dieser Ordner füllen, die sich in seinem Arbeitszimmer in Bodman stapeln, zwischen Kunstbüchern, eigenen Skulpturen, Fellen und Essgeschirr und einer unbeirrt in diesem Kunterbunt schlummernden Katze. Die wüsten Beschimpfungen heftet Lenk ebenso ab wie die Ehrenurkunde eines Vereins zur Begrüßung Außerirdischer. Und natürlich all die Artikel von „Südkurier“, über „Art“ bis „Spiegel“. Der Meister mag besonders den Briefschreiber, der seine Meinung mit jedem neuen Kunstwerk ändert: Mal beschimpft er Lenk als Wünschler, weil seine Kunst nicht von Können, sondern von Wünschen komme. Mal lobt er ihn für seinen Einfallsreichtum. Der Schalk vom Bodensee hat einen Hang zum Absurden.

Und er lässt wenige kalt. Etwa wenn er in einem Sittengemälde Kanzlerin Angela Merkel fröhlich mit Edmund Stoiber und Guido Westerwelle nackt Ringelpietz mit Anfassen tanzen lässt, während unter einem Banner von Hartz VI (sprich: sechs) fröhlich der Unzucht gefrönt wird. Es ist Teil des großen Großherzog-Ludwig- Denkmals in Ludwigshafen, das nach anfänglichen Debatten inzwischen so viele Touristen in die Bodensee-Gemeinde lockt, dass die Verwaltung eigens für Schaulustige Bänke aufstellen ließ, damit die Blumen nicht mehr zertrampelt werden. Dieses Triptichon gehört wie die Imperia, die inzwischen zum Wahrzeichen von Konstanz geworden ist und in keinem Stadtführer fehlt, und der Pimmel über Berlin zu den bekanntesten Werken Lenks. Zu den schlagzeilenträchtigsten aber auf jeden Fall.

Warum macht das einer? Woher kommt dieser Eigensinn und diese Lust am dauernden Widerspruch? Lenk versteht seine Kunst als Bestandsaufnahme einer Gesellschaft, in deren Wunden er seiner Ansicht nach lust- und humorvoll den Finger legt. Die Devise des Mannes, der 68 an der Stuttgarter Kunstakademie studiert hat, lautet: „Lieber die anderen ärgern als sich selber.“ Wie das am besten funktioniert, hat er im Klosterinternat in Urspring auf der Schwäbischen Alb gelernt. Man darf alles machen, man darf sich nur nicht erwischen lassen. Wer sich durch einen klösterlich reglementierten Alltag tricksen kann, geht anschließend gewappnet auf die Gesellschaft los. Hier in der barocken Bodenseeregion fühlt sich Lenk mit seiner Kunst am richtigen Platz. Hier findet er noch den Widerstand, den er so sehr braucht. Gerne zitiert er auch den Spruch eines oberschwäbischen Landrats, der da lautet: „Dankbar rückwärts, mutig vorwärts, gläubig aufwärts, heimlich seitwärts.“ Vor allem Letzteres ist so ganz nach dem Geschmack des Mannes, der weiß: „Ohne Tricks geht nix“.

Peter Lenk lacht dieses glucksende Lachen, das seinen dicken Schnauzer beben lässt. Der Konstanzer Bildersturm hat dem Ästheten des Hässlichen schließlich eine Einladung ins Kunsthaus Weiz – dieser Ort liegt bei Graz – und eine dreiwöchige Einzelausstellung in deren Räumen beschert. Dort wartet Lenk gespannt auf weitere Reaktionen. Er wird Glück haben. Die örtliche rachtsnationale FPÖ-Nationalrätin Susanne Winter hat sich schon empört über das nackte Päpstlein.

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