Prozess fortgesetzt : Kachelmann: Das große Zittern

Am ersten Verhandlungstag nach der vierwöchigen Weihnachtspause schaut sich Jörg Kachelmann im Prozess den Film über die Opfervernehmung an.

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Jörg Kachelmann verlässt ein letztes Mal das Mannheimer Gerichtsgebäude. Seine Rolle bleibt undurchsichtig.Weitere Bilder anzeigen
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31.05.2011 20:26Jörg Kachelmann verlässt ein letztes Mal das Mannheimer Gerichtsgebäude. Seine Rolle bleibt undurchsichtig.

Für Jörg Kachelmann muss es ein ganz schlechter Film sein, den er am Mittwochmorgen in Mannheim zu sehen bekommt. Eineinhalb Stunden lang sieht und hört er, wie seine frühere Geliebte offenbar unter großen Qualen Entsetzliches berichtet. Die 5. Große Strafkammer des Landgerichts Mannheim zeigt die Videoaufzeichnung der polizeilichen Vernehmung von Simone W. vom 30. März 2010. Kachelmanns Verteidiger Johann Schwenn bleibt der Vorführung fern. Auch die Gutachterplätze sind an diesem ersten Verhandlungstag nach der vierwöchigen Weihnachtspause verwaist. Sie alle haben den Film als DVD in ihren Akten.

Kachelmann hingegen, im Nadelstreifenanzug und mit kürzeren Haaren, schaut zu, wie Simone W. einer Polizistin erzählt, was er ihr in der Nacht zum 9. Februar angetan haben soll. Eine Kamera ist direkt auf ihr Gesicht gerichtet, eine zweite filmt den gesamten Raum. Den Beamten fällt zu spät auf, dass die Frontalkamera defekt ist. Nur ganz am Ende der Vernehmung liefert sie Bilder, erzählt seine Verteidigerin nach der Vorführung.

Nahaufnahmen seiner Exgeliebten bleiben Kachelmann dadurch weitgehend erspart. Die Öffentlichkeit bekommt das Video gar nicht zu sehen und wird auf Antrag des Anwalts von Simone W. aus dem Saal geschickt.

Doch einen Eindruck dessen, was Kachelmann zu sehen bekommt, hat die Öffentlichkeit schon Ende September erhalten, als die vernehmende Polizistin als Zeugin vor Gericht aussagte. Nach Angaben der Polizistin hat Simone W. die ganze Zeit geweint und gezittert. Ihr Körper habe geradezu vibriert. Während Simone W. erzählt, wie Kachelmann ihr ein Messer an den Hals gedrückt, sie ins Schlafzimmer gezerrt und vergewaltigt haben soll, wetzt sie die Fingernägel der einen Hand unablässig an den Fingern ihrer anderen Hand. Die Kommissarin reicht ihr schließlich ein Taschentuch, weil sie es nicht mehr mitansehen kann. Simone W. nimmt es, lässt endlich ihre Finger in Ruhe und drückt nun an dem Stück Stoff herum.

„Todesangst“ habe Simone W. während der angeblichen Tat durchlitten, das habe sie ihr „sehr eindrucksvoll beschrieben“, hatte die Beamtin damals berichtet: „Sie war fertig. Es ging ihr wirklich schlecht.“

Ein Beweis für Kachelmanns Schuld ist das nicht. Ging es Simone W. schlecht, weil sie an den Folgen der Vergewaltigung litt oder weil sie ahnte, was sie Kachelmann mit ihrer falschen Behauptung antut? Eine Lüge zu erkennen, ist eine Wissenschaft für sich. Im Kachelmann-Prozess sind gleich zwei der angesehensten Experten auf diesem Gebiet als Gutachter dabei. Der Berliner Prof. Hans-Ludwig Kröber und Luise Greuel aus Bremen haben unter anderem zu klären, ob Simone W. vielleicht selbst glaubt, dass sie vergewaltigt wurde, obwohl es nicht geschehen ist. Pseudoerinnerung nennen Psychologen das.

Ob sie jemals Zweifel an der Aussage von Simone W. gehabt habe, hatte das Gericht die Kommissarin im September gefragt. „Nein, auf keinen Fall“, hatte sie geantwortet. „Nicht für einen Moment.“

So ist weiterhin unklar, ob Kachelmann in dem Film, den das Landgericht gezeigt hat, der Bösewicht ist – oder die tragische Figur.

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