Prozess : Gutachten spricht gegen Marco W.

Die Vergewaltigung der 13-jährigen Britin soll belegt sein. Nun droht dem Uelzener Schüler eine Verschärfung der Anklage.

Thomas Seibert[Istanbul]

Bisher konnte der in der Türkei inhaftierte Uelzener Schüler Marco W. darauf hoffen, dass bei seinem nächsten Prozesstermin in Antalya am 8. August über seine Freilassung gesprochen wird. Seit gestern ist diese Hoffnung aber wohl dahin. Thema der Verhandlung wird vermutlich eine Verschärfung der Anklage sein. Grund dafür ist das medizinische Gutachten, das nach der Tat angefertigt wurde. Dessen Inhalt wurde erst gestern durch einen Zeitungsbericht bekannt. Danach ist Marco – entgegen seinen bisherigen Aussagen – in die 13-jährige Britin eingedrungen. Nach türkischem Gesetz läge in diesem Fall eine vollendete Vergewaltigung vor.

Marco W. hatte bisher zugegeben, dass er mit Charlotte schlafen wollte, doch habe das wegen eines vorzeitigen Samenergusses nicht funktioniert. Auch Charlotte habe mit ihm ins Bett gehen wollen. Außerdem habe das Mädchen sein Alter mit 15 Jahren angegeben. Nach der fraglichen Nacht ließ sich Charlotte in einem Krankenhaus in der nahen Stadt Manavgat untersuchen. Die Ergebnisse dieser Untersuchung sind Teil der Gerichtsakten im Fall Marco, kamen aber erst jetzt durch einen Bericht der türkischen Zeitung „Sabah“ an die Öffentlichkeit. Für den deutschen Jugendlichen ist das medizinische Gutachten vernichtend. Am Scheidengewölbe, also im inneren Vaginalbereich von Charlotte, seien Spermaspuren gefunden worden, berichteten die Ärzte laut „Sabah“. Die Zeitungsmeldung gebe die Analyse der Ärzte im Großen und Ganzen korrekt wieder, hieß es in Justizkreisen in Antalya. Am dritten Verhandlungstag am 8. August sollen dem Vernehmen nach die Autoren des Gutachtens gehört werden.

Bisher lautet die Anklage gegen Marco auf sexuellen Missbrauch einer Minderjährigen, nicht aber auf Vergewaltigung. Dass erst jetzt eine Erweiterung des Strafvorwurfs gegen den deutschen Jugendlichen im Raum steht, liegt nach Angaben aus Justizkreisen daran, dass ein vom Gericht bestellter Gutachter erst vor kurzem seinen Kommentar zu dem medizinischen Bericht von Manavgat vorgelegt hatte. Der Gutachter betonte demnach, die von den Ärzten in Manavgat gefundenen Samenspuren am Scheidengewölbe seien ohne Geschlechtsverkehr nicht zu erklären.

Marcos deutscher Anwalt Jürgen Schmidt wies die Berichte über das Gutachten zurück; dagegen wollte der türkische Anwalt des Jungen, Sükrü Ehnos, keine Stellungnahme abgeben. Das Gericht in Antalya äußerte sich ebenfalls nicht zu dem Streit. Allerdings hatte der Richter bei der letzten Verhandlung Anfang Juli von einem „schwerwiegenden Verdacht“ gegen den Uelzener Schüler gesprochen und deshalb eine Entlassung des Angeklagten aus der Untersuchungshaft abgelehnt.

Deshalb wird nun mit Spannung die Verhandlung am 8. August erwartet. Dann wird sich unter anderem entscheiden, ob die Staatsanwaltschaft ihre Anklage offiziell auf den Straftatbestand der Vergewaltigung erweitert.

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