Prozess : Marco hofft wieder

Der Prozess gegen den 17-jährigen Marco W. vor dem Schwurgericht in Antalya geht bald zu Ende. Charlottes Aussage liegt jetzt vor – am Freitag entscheidet der Richter über eine Haftentlassung.

Thomas Seibert[Istanbul]

Der Prozess gegen Marco W.  geht seinem Ende entgegen. Darin sind sich Nebenklage und Verteidigung des Jugendlichen aus Niedersachsen vor dem morgigen Verhandlungstag einig. Nach monatelanger Verzögerung liegen nun mit der Aussagen Charlottes alle erforderlichen Dokumente vor und können am Freitag erstmals vom Gericht bewertet werden. Ein Urteil wird im Januar erwartet. Morgen geht es vor allem um die Frage, ob der Angeklagte vorerst auf freien Fuß gesetzt wird, damit er Weihnachten mit seinen Eltern verbringen kann. Lehnt der Richter eine Freilassung erneut ab, wollen Marcos Anwälte das Europäische Menschenrechtsgericht in Straßburg einschalten. Es gibt jedoch Hoffnung, dass dies nicht nötig sein wird.

Marco wird vorgeworfen, im April die 13-jährige Charlotte M. aus England während eines Urlaubs in Antalya sexuell missbraucht zu haben. Der Realschüler hat intime Kontakte zu dem Mädchen eingeräumt, betont aber, sie seien auf beiderseitigen Wunsch zustande gekommen. Zudem habe sich Charlotte als 15-Jährige ausgegeben.

Nach Einschätzung von Marcos türkischem Anwalt Mehmet Iplikcioglu haben sich die Aussichten des Schülers auf vorzeitige Freilassung durch die Ankunft von Charlottes in Großbritannien aufgenommener Aussage verbessert. Auch im politischen Umfeld des Prozesses, das in den vergangenen Monaten durch die Kritik deutscher Politiker an der Türkei belastet worden war, deuten sich Entspannungen an. Erst vor zwei Wochen hatten türkische Politiker die Bundesrepublik wegen der Auslieferung von zwei PKK-Aktivisten an Ankara in den höchsten Tönen gelobt.

Auch wenn die türkische Regierung keinen direkten Druck auf das Gericht in Antalya ausübt, steht fest, dass der türkischen Politik an einem schnellen Ende des Prozesses gelegen ist. Ankara kann weder an der potenziell abschreckenden Wirkung des Verfahrens auf Urlauber noch an weiteren Imagekratzern in der Bundesrepublik interessiert sein.

Seit einigen Wochen sitzt Marco in einem neuen Gefängnisbau in Yeniköy, rund 30 Kilometer nördlich von Antalya. Anders als in der alten Haftanstalt der südtürkischen Stadt hat das neue Gefängnis vom „Typ L“ eines der modernsten der ganzen Türkei. Hier gibt es keine 30-Mann-Schlafsäle mehr, sondern kleinere Einheiten. Nach acht Monaten Untersuchungshaft dürfte dies aber nur ein schwacher Trost für den Teenager aus Uelzen sein. Zur Linderung des durch die Haft verursachten „psychologischen Traumas“ müsse sein Mandant die Möglichkeit erhalten, das Weihnachtsfest mit seiner Familie zu verbringen, sagte Iplikcioglu dem Tagesspiegel.

Iplikcioglu hatte schon Anfang der Woche einen ausführlichen Antrag auf Freilassung eingereicht. Der zuständige Richter soll so die Gelegenheit bekommen, den mit Hinweisen auf höchstrichterliche Entscheidungen in Sachen U-Haft versehenen Schriftsatz rechtzeitig vor der morgigen Verhandlung zu prüfen. Bisher verlängerte das Gericht die U-Haft stets mit Verweis auf die beim deutschen Staatsbürger Marco Weiss gegebene Fluchtgefahr sowie auf Hinweise zur Schuld des Angeklagten.

Wenn es nach Ömer Aycan geht, wird der Richter das auch am Freitag wieder tun. Der türkische Pflichtanwalt von Charlotte M. wird bei der Verhandlung darauf dringen, dass Marco hinter Gittern bleibt. Aycan will zudem einen medizinischen Bericht über die psychologischen Folgeschäden für Charlotte vorlegen. Vor der Urteilsverkündung, mit der der Anwalt im Januar rechnet, will Aycan für die Höchststrafe für Vergewaltigung plädieren: 15 Jahre Haft. Da Marco selbst noch minderjährig ist, müsste er nach Aycans Berechnung mit acht Jahren rechnen. Einen Großteil der Strafe könnte er vermutlich in Deutschland absitzen.

Die neue Hoffnung Marcos auf eine Freilassung an diesem Freitag wird durch anstehende Festtage weiter verstärkt. Schließlich steht nicht nur das christliche Weihnachtsfest, sondern auch das muslimische Opferfest vor der Tür: eine Zeit der Gnade in beiden Religionen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben