Prozess : Nadja Benaissa - Extrem belastet

No-Angels-Sängerin Nadja Benaissa steht vor Gericht. Sie soll drei Männer mit dem HI-Virus infiziert haben. Den ungeschützten Sex hat sie gestanden. Aber kann sie deshalb verurteilt werden?

Christine Keck
Die öffentliche Frau. Nadja Benaissa, 28, im Darmstädter Gerichtssaal.
Die öffentliche Frau. Nadja Benaissa, 28, im Darmstädter Gerichtssaal.Foto: ddp

Die braunen Locken aus dem Gesicht gekämmt, die Hände zwischen den Oberschenkeln vergraben, sitzt Nadja Benaissa regungslos da. Sie sieht verletzlich aus, fast wie ein Opfer. Der voll besetzte Saal blickt auf die 28-Jährige.

Gleich soll sie ihren großen Auftritt am Mikrofon haben. Diesmal ohne Scheinwerferlicht und laufende Kameras. Diesmal nicht vor schmachtenden Teenagern, sondern vor schwarzen Roben, deren Träger ein ernstes Gesicht machen.

Denn Nadja Benaissa, der No-Angels-Sängerin, Popstar aus Deutschlands erfolgreichster Mädchenband, wird seit Montag im Darmstädter Amtsgericht der Prozess gemacht. Es geht um einen Skandal an der Grenze von Leben und Tod. Die Sängerin soll zwischen 2000 und 2004 mit drei Männern Sex ohne Kondom gehabt haben, obwohl sie wusste, dass sie HIV-positiv ist.

Nadja Benaissa verweigert den Auftritt. Sie reicht für ihr Geständnis das Mikrofon weiter. Ihr Anwalt Oliver Wallasch liest vor, was sie zu Gehör bringen will. 20, vielleicht 30 Sätze.

„Ich habe es nie gewollt, dass meine Intimpartner infiziert werden.“

„Ich dachte, es gibt eine Mitverantwortung der Partner. Doch ich muss einräumen, dass dies ein großer Fehler war.“

Die Sängerin in der hochgeschlossenen lila Bluse schweigt und nickt. Sie schlägt die Augen nieder, verknotet die Finger im Schoß.

Sie habe sich auf die Aussagen der Ärzte verlassen, heißt es weiter. Die hätten ihr erklärt, dass das Risiko einer Drittinfizierung aufgrund ihrer niedrigen Viruslast sehr gering sei.

„Ein Ausbruch von Aids war nicht zu erwarten und ist es auch jetzt nicht.“

Die Diagnose „positiv“ war ihr bekannt seit einem Routinetest im Jahr 1999, damals war sie im dritten Monat schwanger. Ihren Partnern hat sie von der Infizierung nichts gesagt. Nun wird ihr vorgeworfen, vorsätzlich einen der Männer angesteckt zu haben. Die Anklage lautet auf gefährliche und versuchte gefährliche Körperverletzung. Da Benaissa beim ältesten Tatvorwurf aus dem Jahr 2000 erst 17 Jahre alt war, muss sie sich vor einem Jugendschöffengericht verantworten.

Als der Anwalt geendet hat, das Geständnis gehört wurde, fängt die Angeklagte dann selbst an zu reden. Erzählt auf richterliche Fragen hin im Schnelldurchlauf von ihrem Leben, von den Extremen, die sie durchgemacht hat.

Im Alter von zwölf Jahren sei sie, Tochter eines marokkanischen Einwanderers und einer Deutsch-Serbin, an falsche Freunde geraten, sie trank und kiffte. Mit 14 sei sie cracksüchtig gewesen und habe auf der Straße gelebt, mit 16 wurde sie schwanger. „Ich war glücklich, weil ich dachte, dass damit der Albtraum vorbei war“, sagt Benaissa. Sie wollte einen Neustart, wollte die kleine Leila allein erziehen und an der Abendschule die Mittlere Reife nachholen. Die Karriere kam ihr dazwischen: Im Jahr 2000 bewarb sich die Frankfurterin beim Popstar-Casting von RTL II – und es ging rasant bergauf.

Aus rund 4500 Bewerberinnen wurden fünf Sängerinnen ausgewählt, darunter auch die Schülerin Nadja Benaissa. Sie wurden die erste Retortenband Deutschlands. Ihr Debütsong „Daylight In Your Eyes“ verkaufte sich als Single 500 000-mal, die Band schaffte es binnen einer Woche auf Platz eins der deutschen Charts. Es folgten ausverkaufte Tourneen und etliche Alben.

Das ist die eine Seite der Erfolgsgeschichte, die andere erzählt Nadja Benaissa im Darmstädter Gerichtssaal. Sie handelt von Ängsten eines Stars, der zu schnell einer wurde, von einsamen Nächten in Hotels und einem Leben, das zu viel Fahrt aufgenommen hat. Ein Hochgeschwindigkeitsexpress, ohne Haltestellen, ohne Pausen. „Ich war überfordert, entfremdet von mir selbst und nicht glücklich“, gibt die Sängerin auf der Anklagebank zu. Sie habe lange keine Zeit gehabt, nicht für ihre Tochter Leila, nicht um über ihre Infektion und die Folgen nachzudenken.

Eine der Folgen von Benaissas Nachlässigkeit hat sie vor Gericht gebracht. Der Nebenkläger ist 34 Jahre alt, von Beruf Künstlerbetreuer und HIV-positiv – angeblich seit ein paar Liebesnächten mit der Sängerin. Er ist noch nicht im Saal, als Benaissa sich entschuldigt.

„Es tut mir von Herzen leid, dass er sich angesteckt hat“, sagt sie und reibt sich die Tränen weg. „Ich habe die Kontrolle verloren.“

Passiert ist es Anfang April 2004 in Frankfurt, nach einem gemeinsamen Konzertbesuch und reichlich Alkohol.

„Es wurde nie über Verhütung gesprochen“, sagt später dann der Mann in Jeans und Kapuzenpullover, dessen Name wegen seiner „besondere Schutzbedürftigkeit“ als HIV-Infizierter auch in abgekürzter Form nicht in der Zeitung stehen soll. Es blieb nicht bei einer Nacht, vielleicht fünf bis sieben Mal hätten sich die beiden getroffen, er habe keine Strichlisten geführt.

Erst Jahre später habe er von der Infektion der Sängerin erfahren, sagt der Mann aus. Über Umwege, über Selima Benaissa, die Tante des Popstars, mit der er schon lange befreundet war und die später unter Ausschluss der Öffentlichkeit als Belastungszeugin auftritt. Sie habe es ganz beiläufig bei einem Telefonat erwähnt, und er könne sich noch gut an diesen Moment erinnern, der alles verändert hat in seinem Leben. Beim Arzt erhielt er die Gewissheit, dass er den Aids-Erreger in sich trägt. Danach kam das Chaos, die Hoffnungslosigkeit, die Halbierung seines Einkommens. „Ich habe ein Jahr lang fast nichts gemacht“, sagt der Mann und hat vor Aufregung Mühe, in klaren Sätzen zu reden, „ich wusste nicht, ob ich morgen tot bin.“

Die Haltbarkeit von Erfolg ist beschränkt. Das weiß Nadja Benaissa, und sie hat einiges versucht, um sich wieder nach oben zu kämpfen im Musikgeschäft: eine Solokarriere, ein Comeback mit drei ihrer ehemaligen Bandkolleginnen und der Versuch, gemeinsam beim Eurovision Song Contest 2008 zu punkten. Es wurde die Blamage von Belgrad, drittletzter Platz. Nicht ein neuer Hit brachte Benaissa 2009 in die Schlagzeilen, sondern ihre öffentlichkeitswirksame Verhaftung in einem Frankfurter Nachtclub. Es war am Ostersamstag, kurz vor einem Soloauftritt, als die Kripo-Beamten in Zivil zugriffen. Es habe Wiederholungsgefahr gedroht, rechtfertigten die Ermittler die Festnahme in aller Öffentlichkeit. Doch es kam noch heftiger. Ein Zwangsouting durch die Behörde, eine Pressemitteilung der Staatsanwaltschaft Darmstadt. Alle Welt konnte lesen, was die Sängerin der Welt niemals anvertrauen wollte: ihre Infektion und ihr allzu sorgloser Umgang damit.

Für den Boulevard war das eine Steilvorlage. Und Nadja Benaissa, die zehn Tage in Untersuchungshaft verbrachte, musste zuschauen, wie ihr Intimleben in den Medien ausgebreitet wurde.

Der HIV-Skandal um die Popsängerin entwickelte sich nahezu zu einer Justizaffäre, die amtliche Preisgabe privater und medizinischer Details öffnete Tür und Tor für eine Berichterstattung. Nadja Benaissa setze ihren Körper als „Biowaffe“ ein, schrieb eine Zeitung, sie wurde als „Todesengel“ gebrandmarkt.

Welchem Druck sie jahrelang ausgesetzt war, schildert Benaissa vor Gericht ganz sachlich. Anfangs kam er von den Medizinern. „Eine Ärztin sagte mir, dass ich mit dem Erreger noch höchstens acht Jahre zu leben hätte“, erzählt die Angeklagte, die heute weiß, dass sie das Virus mit einer guten Therapie in Schach halten und damit alt werden kann. Später machten ihr die Medien Stress. „Ich bin erpresst worden“, sagt Benaissa und erzählt von dem Ultimatum, das ihr ein deutsches Boulevardblatt gestellt habe. Sie sollte angeblich ein Attest vorlegen, dass ihre Tochter Leila HIV-negativ sei, sonst würde die Tageszeitung über ihre Infektion berichten.

Auf Anraten ihres Anwaltes habe sie die Sache ignoriert. Eine Veröffentlichung hätte das Ende der Band bedeutet, so die Sorge der Sängerin. Deshalb das Schweigen. Sie habe „einen schwarzen Vorhang“ über die Vergangenheit ausgebreitet, sie habe nicht mehr darüber nachdenken und nicht mehr darüber reden wollen.

Ob Benaissa ihren Ex-Liebhaber tatsächlich angesteckt hat, ist so viele Jahre nach dem Infektionszeitpunkt nur schwer zu beweisen. Ein immunologisches Gutachten soll Aufklärung bringen, doch dessen Aussagekraft ist beschränkt. „Viren können sich ständig verändern“, erklärt Georg Behrens, Immunologe an der Hochschule Hannover. Je mehr Zeit verstreiche, umso problematischer sei es, eine Verwandtschaft nachzuweisen. „So ein Gutachten müsse man unter Umständen in den Wind schreiben“, urteilt Behrens. Außerdem ist es kompliziert, die Infektionskette exakt nachzuvollziehen. Es wäre denkbar, dass der Infizierte sich die Erkrankung bei einer anderen Partnerin geholt hat.

Noch vier Tage lang werden Zeugen gehört und Gutachten vorgelegt, auch die anderen No-Angels-Sängerinnen Sandy, Jessica und Lucy sollen vor Gericht aussagen. Die Strafe, die Nadja Benaissa erwartet, liegt zwischen sechs Monaten und zehn Jahren. Wenn man der Sängerin glauben kann, so sind ihr Schuldgefühle und ein schlechtes Gewissen nicht fremd. Es gebe keinen Tag, an dem sie nicht bereue, kein Kondom benutzt zu haben, hat sie einmal gesagt. Auf die Frage des Richters, woher ihre Infektion stamme, antwortet die Sängerin knapp: „Ich kann es mir denken.“ Sie habe aber nie nach dem Schuldigen gesucht.

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