Prozess : Schwedenjagd

Mit 140 Stundenkilometern durch die Innenstadt: In Lübeck steht ein Stockholmer Autoschieber vor Gericht. Mit einem Porsche Cayenne war er vor der Polizei geflohen - dabei überfuhr er ein fünfjähriges Mädchen.

Robert Holender[Lübeck]

Der Fall hat alle Zutaten für einen Actionfilm à la Hollywood, doch die Szenen spielten sich im beschaulichen Lübeck ab: Ende Oktober vergangenen Jahres lieferte sich ein Schwede eine Verfolgungsjagd mit der Polizei, an der am Ende 25 Streifenwagen beteiligt waren. Als der 52-Jährige von der Polizei gestoppt werden sollte, gab er Gas und raste mit einem Porsche Cayenne an einem Sonntagvormittag mit bis zu 140 Stundenkilometern durch die Innenstadt, geriet in den Gegenverkehr, durchbrach Straßensperren, jagte hunderte Meter über Gehwege. Passanten konnten sich nur durch Sprünge in Sicherheit bringen. Während seiner Flucht erfasste der Mann auch ein fünfjähriges Mädchen, das auf dem Fahrrad unterwegs war. Es wurde zum Glück nur leicht verletzt. Erst nach einer Stunde gelang es der Polizei, den Mann zu stoppen. Ein Streifenwagen rammte den Porsche - in Nordwestmecklenburg. Dabei wurden zwei Polizisten verletzt.

Der Mann hatte einen gefälschten schwedischen Polizeiausweis bei sich

Abgesehen von den filmreifen Szenen besitzt der Fall zudem noch brisante Details, wie sich bei der Verhandlung gegen den Mann am Donnerstag vor Gericht in Lübeck zeigte. Dort ist der Mann, der unter dem Einfluss von Amphetaminen stand, wegen menschengefährdender Verkehrsdelikte angeklagt - außerdem wegen Hehlerei und Urkundenfälschung. Denn der Mann aus Stockholm ist Mitglied eines international agierenden Rings von Autoschiebern, die sich auf Luxuskarossen spezialisiert haben, und wurde von der schwedischen Polizei mit Haftbefehl gesucht. In den 80er Jahren war er in Schweden Chef einer Bande, die mehrere spektakuläre Überfälle verübt hatte - immer verkleidet, gelegentlich als Polizisten -, und dafür auch zu einer Haftstrafe verurteilt worden. Bei seiner Festnahme in Mecklenburg hatte der Mann einen gefälschten schwedischen Polizeiausweis bei sich.

Die Skandinavier hatten ihre deutschen Kollegen informiert, dass sich der Mann mit einem gestohlenen Fahrzeug auf dem Weg nach Deutschland befand, wo die Festnahme vorbereitet wurde. Was die deutsche Polizei nicht wusste: Nur drei Tage zuvor hatten schwedische Ermittler den Mann in einem gestohlenen Auto davonfahren lassen. „Man wollte den großen Fang und hat deshalb ein wenig gepokert. Das ist gründlich schiefgegangen“, sagte ein mit den Ermittlungen Vertrauter der schwedischen Tageszeitung „Dagens Nyheter“. Der Anwalt des 52-Jährigen, Andreas Mross, kritisiert scharf, dass es überhaupt zu der Situation in Lübeck kommen konnte. „Die schwedische Polizei filmte, wie das gestohlene Auto meinem Klienten übergeben wurde. Man verfolgte ihn nach Deutschland und hatte etliche Möglichkeiten, ihn festzunehmen“, sagte er dem Tagesspiegel.

Die Polizei griff nicht ein, weil sie einer anderen Bande auf die Spur kommen wollte

Die schwedische Polizei wusste durch Telefonüberwachungen, wann und wo das Auto gestohlen werden sollte und hatte es, ohne den Eigentümer zu informieren, mit einem Peilsender versehen. Der Wagen wurde dann tatsächlich vor den Augen der Beamten geknackt. Weil einige Wochen zuvor ein ebenfalls gestohlener Porsche dieses Modells bei einem Überfall auf einen Geldtransport eingesetzt worden war, griffen die Beamten nicht ein, sondern filmten die Tat. Sie hofften, so den Geldräubern auf die Spur zu kommen. Auch die Übergabe des mit gefälschten Kennzeichen versehenen Fahrzeugs an den 52-Jährigen wurde gefilmt. Kritisiert wird nun, dass die Polizei trotz mehrerer schwerer Straftaten vor ihren Augen nicht eingriff.

Der geständige Schwede gab bei seinem Verhör in Deutschland an, in Panik verfallen zu sein, als er verhaftet werden sollte. „Ich war geschockt und habe einen Tunnelblick bekommen, als da plötzlich überall Sirenen waren“, sagte er. Am Donnerstag ordnete das Gericht in Lübeck eine rechtspsychiatrische Untersuchung an. Das Urteil wird für den 18. Juni erwartet.

(Übersetzt von Sven Lemkemeyer)

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