Prozess : U-Bahn-Schläger: Ich war total dicht

In München sagen die Täter zum Prozessbeginn aus. Sie setzen offenbar auf Unzurechnungsfähigkeit.

Mirko Weber
U-Bahn-Schläger
Serkan A. (l) und Spyridon L. (r) vor dem Münchner Gericht. -A9999 Ralf Succo (dpa)

Der Türke Serkan A. ist jetzt 21 und der Grieche Spyridon L. 18 Jahre alt. Als die beiden vor Weihnachten im Zwischengeschoss der Station Arabellapark einen 76-jährigen ehemaligen Lehrer brutal zusammentraten, waren sie ein Jahr jünger und machten auf dem Video der Überwachungskamera nicht den Eindruck, als wüssten sie, was das ist: ein Menschenleben.

Das Video wird vor der Jugendkammer 1 des Münchner Landgerichts heute gezeigt werden, auch der inzwischen wieder gesund gewordene Hubert N. soll aussagen. Aber die Standfotos und auch die bewegten Bilder haben seitdem im Netz oft genug die Runde gemacht. Jeder weiß, dass Spyridon L. auf den alten Mann eintrat, als wolle er einen Fußball gegen eine Wand dreschen.

Serkan A. und Spyridon L., die vor einem halben Jahr verhaftet wurden, waren seitdem in Stadelheim, wo heimtückische Menschen in der Gunst der Mitgefangenen nur kurz vor Kinderschändern rangieren. Serkan A. ist unterdessen Vater einer Tochter geworden. Seit Roland Koch und andere Politiker die Vorgänge in der Münchner U-Bahn politisch genutzt haben, hat auch die Boulevardpresse nicht mehr von den beiden gelassen.

Am Montag standen Serkan A. und Spyridon L. vor der Jugendkammer des Münchner Landgerichts, bewegten ein wenig unstet die Köpfe wie Athleten, denen die Arena viel zu groß ist, und schauten in die Objektive der Fotografen, die in den wie eine Festung gesicherten Bau gelassen worden sind.

Der Vorsitzende Richter Reinhold Baier sieht sich gleich von zwei Anwaltsseiten aus mit Anträgen konfrontiert. Einmal befürchten die Advokaten der Angeklagten die „Gefahr der Heroisierung“ ihrer Mandanten, deswegen solle die Öffentlichkeit ausgeschlossen werden. Das Gericht sieht im einen wie im anderen Fall keinerlei Gefahr. Die Verhandlung kann nach der Verzögerung dann beginnen, beide Schläger betonen in ihrer ersten Aussage – der Türke lässt sie verlesen, Spyridon L. spricht selbst – dass sie zum Zeitpunkt der Auseinandersetzung erheblich angetrunken, wenn nicht betrunken gewesen seien: „Ich war total dicht“, sagt Spyridon L., er sagt das oft. Und wenn er dicht sei, werde er „total aggressiv“.

An dem Abend in München hatte der Rentner Hubert N. den Griechen gerügt, weil dieser sich im Abteil eine Zigarette angezündet hatte. Spyridon L. beschimpfte und bespuckte ihn daraufhin. Später habe Serkan A. auf der Treppe gesagt: „Du, ich verpass ihm eine.“ Da stand auch Spyridon L. nicht mehr zurück. Nun sagt er, er habe es an diesem Abend, den er gemeinsam mit Serkan A. am Münchner Stachus in der Innenstadt begann, bis kurz vor Mitternacht in schneller Folge auf acht halbe Bier gebracht. Bei Serkan A. kommen zu den Bieren „zwei Nasen Heroin, am Hauptbahnhof, von einem Iraker“, dazu. Glaubt man früheren medizinischen Gutachten, sind beide Drogen, auch in härterer Form als Alkohol, gewohnt gewesen. Dieses Gutachten wollen die Verteidiger anzweifeln, sie wollen außerdem den psychiatrischen Gutachter Franz Joseph Freisleder für befangen erklären lassen.

Spyridon L. unterbricht seine erste Aussage oft durch Reueformeln. „Ich weiß, ich habe einen sehr großen Fehler gemacht“, sagt er, und fügt dann später noch hinzu: „Ich weiß, ich habe meine Familie enttäuscht.“ Er scheint darauf zuzusteuern, zum Zeitpunkt der Tat partiell unzurechnungsfähig gewesen zu sein. Zumindest weist er jede Mordabsicht weit von sich. Der Prozess wird fortgesetzt, ein Urteil könnte schon am nächsten Freitag fallen.

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