Prozess : "Was soll noch passieren, damit Marco freikommt?"

Nicht nur der Anwalt von Marco W. kritisiert die Entscheidung des türkischen Gerichts, den 17-Jährigen inhaftiert zu lassen. Auch in Uelzen, dem Wohnort des Schülers, kann man das Vorgehen nicht verstehen.

Antalya/UelzenEinen Tag nach der Verschiebung des Prozesses gegen den 17-jährigen deutschen Schüler Marco in der Türkei zeigen die Menschen in Uelzen weitgehend Unverständnis. Trotz entlastender Aussagen eines Arztes und eines weiteren Zeugen hatte das Gericht im türkischen Badeort Antalya entschieden, dass der Jugendliche bis zum neuen Prozesstermin am 6. September in Haft bleibt. Die Anklage lautet auf sexuellen Missbrauch einer 13-jährigen Britin. "Die Verhältnismäßigkeit der Mittel stimmt nicht mehr", meinten Passanten in Uelzen. Auch von "Willkür" der türkischen Justiz war die Rede. Dagegen zeigte der Kommentator der örtlichen Zeitung eher Unverständnis für die massive Kritik.

"Wenn hier in Deutschland ein Ausländer beschuldigt würde, ein 13- jähriges Mädchen missbraucht zu haben, würde er sicherlich ebenfalls festgehalten, bis der Fall geklärt ist", meinte Thomas Mitzlaff von der "Allgemeinen Zeitung für Stadt und Kreis Uelzen". Ein Skandal sei vielmehr, dass die türkische Justiz Reporter mit Kameras zu dem minderjährigen Schüler im Gefängnis vorgelassen habe. Der Kommentar erscheint in der Samstagausgabe. Die andauernde Untersuchungshaft war mit einem Rechtshilfeersuchen an Großbritannien begründet worden. Das Ergebnis müsse noch abgewartet werden, hieß es am Mittwoch in Antalya. Ziel dieses Ersuchens sei, die 13-jährige Charlotte befragen zu können.

Heftige Kritik an der andauernden Untersuchungshaft für den 17- Jährigen kam erneut von seinem Anwalt. "Mir ist schleierhaft, wie das Gericht nach den entlastenden Zeugenaussagen den Haftbefehl aufrechterhalten kann", sagte Nikolaus Walther. Ein medizinischer Gutachter hatte ausgesagt, die beiden hätten keinen Geschlechtsverkehr gehabt.

Anwalt: In Deutschland wäre Marco frei

Auch der hannoversche Anwalt Matthias Waldraff vertrat die Ansicht: "Bei der aktuellen Sachlage wäre ein ausländischer jugendlicher Angeklagter in Deutschland nicht mehr in Haft." Insbesondere die Untersuchungshaft von Jugendlichen unterliege in Deutschland dem Beschleunigungsgrundsatz, sagte Waldraff. Lediglich in der Ermittlungsphase wäre ein ausländischer Verdächtiger bei einem solch schwerwiegenden Vorwurf wegen Fluchtgefahr in Haft genommen worden.

Marcos Anwalt hatte versucht, den Schüler außerhalb des Gefängnisses unterzubringen. Alle Anträge seien aber abgelehnt worden, sagte Walther. Dabei habe er als Auflagen für die Freiheit des 17-Jährigen ein Ausreiseverbot und Abgabe des Reisepasses vorgeschlagen. "Was soll noch passieren, damit Marco freikommt?"

Brief von Marco an Charlotte

"Keine Freiheit für Marco" schreibt die türkische Zeitung "Milliyet". Die Zeitung "Sabah" berichtete über ein Schreiben des 17-Jährigen an das Mädchen, das als "Entschuldigungsbrief" bezeichnet wurde. Marco habe Charlotte darin gebeten, die Anzeige zurückzunehmen. "Ich durchlebe sehr schwere Tage", habe der Schüler geschrieben, und er könne nicht verstehen, warum die Britin ihn in diese Situation gebracht habe.

Marco und Charlotte hatten sich während eines Osterurlaubs im Badeort Side kennengelernt. Nach einem Discoabend mit anderen Jugendlichen waren sie im Hotelzimmer der 13-Jährigen gelandet. Die Initiative zu den Zärtlichkeiten sei von dem Mädchen ausgegangen, das sich als älter ausgegeben habe, sagte Marco. Sie habe ihr Alter mit 15 angegeben. Noch im Hotel wurde Marco unter dem Vorwurf des sexuellen Missbrauchs festgenommen, nachdem die Mutter des Mädchens Anzeige erstattet hatte. (mit dpa)