Prozessauftakt : Fünf tote Kinder - die Ämter sind auch ein Fall

An diesem Freitag beginnt der Prozess um den Tod von fünf Kindern aus dem schleswig-holsteinischen Darry. Die Mutter soll sie umgebracht haben - im Wahn. Die psychisch kranke Frau steht nicht allein im Zentrum des Prozesses.

Steffen Kraft
Darry
Der Ehemann tritt als Nebenkläger auf. -Foto: privat

KielDie Wut ist immer noch da. Sie hat Michael Kitzmuller seit jenem verhängnisvollen Tag im vergangenen Dezember nicht verlassen. Ebenso wie die Trauer um seine Söhne. Inzwischen ist aber noch ein anderes Gefühl hinzugekommen, sagt er: Es ist eine Sorge. Michael Kitzmuller weiß nicht, ob er sich wird beherrschen können.

Am Freitag wird er seine Frau Steffi im Kieler Landgericht treffen – zum ersten Mal seitdem ihre fünf Kinder mit Plastiktüten über den Köpfen in dem gemeinsamen Wohnhaus im schleswig-holsteinischen Dorf Darry gefunden wurden. Die psychisch kranke Frau soll die Jungs im Alter von drei bis neun Jahren umgebracht haben, weil sie glaubte, die Kinder seien von Dämonen besessen.

Michael Kitzmuller muss ruhig bleiben. Er weiß das. Er will das. Doch schon wenn er von den bevorstehenden Gerichtsterminen spricht, zittert seine Stimme. In dem Prozess tritt der Vater von drei der getöteten Söhne als Nebenkläger auf. Er will genau prüfen, ob seine Frau wegen ihrer Krankheit wirklich „absolut schuldunfähig“ ist, wovon die Staatsanwaltschaft ausgeht. „Sie hat diese Tat lange geplant und mir sogar ein Bahnticket gekauft, um mich aus dem Haus zu bekommen“, sagt er.

Während des Prozesses wird Kitzmuller nicht allein seine Frau treffen. Er wird auch den Vertreter der Behörden ins Gesicht sehen, die er schon Monate vor der Tat um Hilfe bat und die nun alle Schuld von sich weisen.

Da ist zum Beispiel Petra Ochel, die Leiterin des sozialpsychiatrischen Dienstes des Landkreises Plön. Ihr hatte Kitzmuller im August ein Tonband gegeben, auf dem Steffi ihre Kinder als von Dämonen besessen bezeichnet. „Das war mein Beweis. Wenn andere Menschen dabei waren, konnte Steffi blitzschnell umschalten“, sagt er. Die Ärztin Ochel hörte sich das Band aber nicht an, sondern gab es einem Psychiater, der Steffi schon früher einmal behandelt hatte. Der wiederum gab es Steffi K. zurück, ohne es angehört zu haben.

Nach der Tat kritisierten mehrere Psychiater dieses Verhalten als unprofessionell. Die Ärzte hätten die Kranke zumindest mit ihren Fantasien konfrontieren müssen, um das Ausmaß der Gefahr einschätzen zu können. Die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde veröffentlichte eine eigene Stellungnahme zu Kindstötungen. Darin heißt es, dass „schützende Eingriffe“ der Behörden zum Beispiel dann nötig werden, wenn Kinder „für wahnhaft besessen und gefährlich gehalten werden.“

Diese Kritik weist man beim Landkreis Plön zurück. „Alles in der jeweiligen Situation erkennbar Notwendige wurde veranlasst“, heißt es in der Zusammenfassung der Selbstüberprüfung, die der Landkreis nach der Tat anstellte.

Wie die Behörde allerdings zu dieser Einschätzung kommt, kann Opfervater Michael Kitzmuller bisher nicht nachprüfen. Denn bisher ist lediglich eine Zusammenfassung des Berichts veröffentlicht. Darin ist von einer Konfrontation der Frau mit ihren Fantasien an keiner Stelle die Rede. Im Februar schon hat Kitzmuller einen Antrag gestellt, um den kompletten 27 Seiten umfassenden Prüfbericht einsehen zu können. Laut Gesetz müssen Behörden diesem Ansinnen innerhalb eines Monats nachkommen. Bis heute hat Kitzmuller den Bericht jedoch nicht erhalten. Auf Anfrage teilte ein Kreissprecher am Donnerstag mit, das Amt habe ihn nach einem Gespräch mit einem Anwalt Kitzmullers für erledigt gehalten. Dieser Anwalt erklärte dem Tagesspiegel, der Antrag, den Prüfbericht zu bekommen, sei nicht zurückgenommen worden.

Weniger zurückhaltend scheint das Amt gegenüber seinen Kritikern zu sein. So drohte der Landkreis etwa dem Leiter der Forensischen Psychiatrie an der Berliner Charité, Hans-Ludwig Kröber, mit „rechtlichen Schritten“, sollte er seine Kritik an der Behörde wiederholen – nach Auskunft von Kröber jedoch bisher vergeblich. Kröber hatte nach der Tat gesagt, dass der Tod der Kinder vielleicht vermeidbar gewesen wäre, „wenn man Steffi K. für 14 Tage zwangsweise untergebracht hätte“. Nach den Vorwürfen sagte Kröber: „Eigentlich wäre zu wünschen, dass man in Plön Kritik anhört, um aus der Katastrophe zu lernen, statt den Versuch zu unternehmen, Kritik zu unterdrücken.“

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