Prozessauftakt : Münchner U-Bahn-Schläger vor Gericht

Im Dezember 2007 schlugen zwei junge Männer in der Münchner U-Bahn einen Rentner brutal zusammen und verletzten ihn lebensgefährlich. Heute beginnt der Prozess. Die Täter müssen mit hohen Haftstrafen rechnen.

Mirko Weber[München]

Es war ein Satz, mehr nicht. Am 20. Dezember des vergangenen Jahres steigen in München an der Haltestelle Max-Weber-Platz, die direkt hinter dem Bayerischen Landtag liegt, gegen 22 Uhr der damals gerade noch minderjährige Grieche Spyridon L. und der in München geborene, seinerzeit 20-jährige Türke Serkan A. in die U-Bahn. Ebenfalls im Abteil ist der 76 Jahre alte Pensionär Hubert N.

Als Spyridon L. sich eine Zigarette anzündet, weist ihn der Rentner auf das Rauchverbot in der U-Bahn hin. Daraufhin wird er mit den Ausdrücken „Scheiß Deutscher, Sau, Schwein“ angepöbelt und wohl auch bespuckt. Der ehemalige Lehrer Hubert N. wechselt den Sitzplatz, um einer weiteren Konfrontation aus dem Weg zu gehen. Den Rest der Ereignisse dokumentiert die lückenlos aufzeichnende Videokamera an der Endhaltestelle Arabellapark. Während Hubert N. in der Nähe des zentralen Fahrkartenautomaten bereits in Richtung Ausgang unterwegs ist, nähert sich ihm Serkan A. von hinten und zwingt den Mann mit einem Schlag auf den Hinterkopf zu Boden. Daraufhin prügelt Spyridon L. ganze acht Mal mit der Faust auf das Gesicht und den Oberkörper des Opfers ein. Dann tritt er zurück, als wolle er Anlauf nehmen, und tritt anschließend tatsächlich „mit voller Wucht in der Art eines Fußballers“, wie es in der Anklageschrift heißt, gegen den Kopf des Opfers. Spyridon L. und Serkan A., die beide angetrunken sind (in welchem Maß, wird im Prozess mitentscheidend sein), nehmen den Rucksack des Rentners mit und verlassen den Tatort. Hubert N. trägt einen dreifachen Schädelbruch davon, sein Jochbein ist gebrochen, und er erleidet Gehirnblutungen. Wenige Zeit später findet ihn ein Passant. Hubert N. kann durch eine Notoperation gerettet werden. Die Täter werden wenige Tage später verhaftet.

Vor dem am heutigen Montag beginnenden Prozess gegen Spyridon L. und Serkan A. vor der Jugendkammer des Münchner Landgerichts ist Hubert N. wieder vergleichsweise wohlauf und Serkan A. Vater einer Tochter geworden. Doch droht ihm bei einer Verurteilung wegen gemeinschaftlich versuchten Mordes eine lebenslange Haftstrafe, der zum Zeitpunkt der Tat minderjährige Spyridon L. könnte mit zehn Jahren Jugendstrafe davonkommen. Das Urteil wird für Freitag erwartet.

Der Fall ist reich an Bizarrerien, denn sowohl die Familien der Täter wie auch das Opfer Hubert N. haben sich in den vergangenen Wochen gegenüber der Boulevardpresse häufig geäußert. Hubert N. wird mit dem Satz zitiert, dass er seinen Peinigern entgegen rufen wolle: „Ihr wolltet mich töten!“ An Verzeihen denke er nicht und fordere stattdessen die Abschiebung der beiden. Serkan A. beschäftigte zeitweise fünf Anwälte, die zum Teil nichts von den Aktivitäten des jeweils anderen wussten. Zu erwarten ist, dass die Anwälte beider Angeklagten sich darauf einigen, die Öffentlichkeit ausschließen zu lassen. In München werden am Montag allein hundert Reporter erwartet.

Der Andrang hat seinen Grund: Schließlich sind die sogenannten Münchner U-Bahn-Schläger schon mehrere Male politisch instrumentalisiert worden. Zuerst war es der neue bayerische Innenminister Joachim Herrmann (CSU), der die Deutungshoheit in diesem Fall an sich reißen wollte. Anschließend versuchte der hessische Ministerpräsident Roland Koch (CSU) in der Manier des Hardliners das Thema im Wahlkampf auszuschlachten, fand jedoch weniger Zustimmung als angenommen. Ähnlich erging es der Münchner CSU, die ihren Oberbürgermeisterkandidaten als Sheriff ins Rennen schickte, das er, auch wegen dieser Haltung, haushoch gegen Christian Ude verlor. Darum jedoch wird es in diesem Prozess nur am Rande gehen. Im Mittelpunkt der Wahrheitsfindung wird vor allem die Frage stehen, wie die beiden Täter an jenen gesellschaftlichen Rand geraten sind, von dem aus sie schon seit Jahren agierten, wie man mittlerweile weiß.

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