Prozessbeginn : Gary Glitter in Vietnam vor Gericht

Der britische Altrocker Gary Glitter steht wegen unzüchtiger Handlungen mit Kindern in Vietnam vor Gericht. Bei einer Verurteilung drohen ihm bis zu sieben Jahre Haft.

Hanoi - Vom alten Glanz des Gary Glitter war vor Gericht nicht viel übrig: Dem britischen Altrocker droht in Vietnam eine mehrjährige Gefängnisstrafe wegen unzüchtiger Handlungen mit Kindern. Zum Auftakt seines Prozesses in Ba Ria am Donnerstag deuteten alle Zeichen auf einen Schuldspruch. Der 61-Jährige, mit bürgerlichem Namen Paul Francis Gadd, soll zwei Mädchen im Alter von elf und zwölf Jahren in seinem Haus in dem südlichen Badeort Vung Tau missbraucht haben. Glitters Anwalt Le Thanh Kinh sagte, die Staatsanwaltschaft habe in dem nicht öffentlichen Prozess drei bis vier Jahre Haft gefordert. Der Angeklagte plädierte auf Freispruch. Das Urteil wird für diesen Freitag erwartet.

Nach Angaben des Vorsitzenden der Anwaltskammer in Vietnams Hauptstadt Hanoi, Pham Hong Hai, werden in dem sozialistischen Land vor Gericht nur wenige Angeklagte frei gesprochen. «In den meisten Fällen folgen die Richter den Empfehlungen der Staatsanwaltschaft», sagte Hai. Auch Glitters Verteidiger machte vor Reportern am Donnerstag einen niedergeschlagenen Eindruck. Auf die Frage, ob er auf einen Freispruch seines Mandanten hoffe, sagte Kinh nur: «Nein.»

Glitter selbst hatte vor Prozessbeginn versucht, einen siegessicheren Eindruck zu vermitteln. Er lächelte in die Kameras der Pressefotografen, formte mit Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand das Victory-Zeichen und sagte: «Unschuldig.» Glitter, der nach drei Monaten Untersuchungshaft in einem vietnamesischen Gefängnis deutlich schlanker wirkte, war ganz in Schwarz gekleidet. Er trug Sonnenbrille und eine Baseball-Kappe auf seinem kahlen Kopf. Sein weißer Spitzbart war akkurat gestutzt. Durch ein Fenster des Gerichtssaals wurde beobachtet, dass er während einer Aussage wild mit den Armen fuchtelte. Die Sonnenbrille nahm er während der gesamten Vernehmung nicht ab.

Hauptzeugen in dem Prozess rund 75 Kilometer östlich von Ho-Chi- Minh-Stadt sind zwei Mädchen. Sie werden als die elf Jahre alte «D» und die zwölf Jahre alte «Ng» bezeichnet. Glitter hat der Staatsanwaltschaft zufolge den Mädchen Geld geboten, damit sie sich vor ihm ausziehen. «Dann hat er sie liebkost und abgeschleckt», sagte Pham Dinh Cuc, der Staatsanwalt der Provinz Ba Tia-Vung Tau.

Ein älteres Mädchen namens Bong soll laut Glitter-Anwalt Kinh vor Gericht bestätigt haben, dass sie Augenzeugin dieser Handlungen war und zudem vom Angeklagten für Sex bezahlt wurde. Glitter hingegen bezichtigt die Mädchen der Lüge. Sie hätten Geld von Medien bekommen, damit sie eine Falschaussage machen. Er selbst hat den Familien beider Mädchen jeweils 2000 Dollar (1675 Euro) gezahlt. Dies wird in Vietnam jedoch nicht als Schuldeingeständnis angesehen.

Der Glam-Rocker der 70er Jahre war am 19. November auf dem Flughafen von Ho-Chi-Minh-Stadt festgenommen worden, als er Vietnam verlassen wollte. Zunächst wurde gegen ihn wegen des Verdachts auf Vergewaltigung Minderjähriger ermittelt. Von einer entsprechenden Anklage sah die Staatsanwaltschaft jedoch wegen Mangels an Beweisen ab. In Großbritannien verbrachte Glitter 1999 wegen des Besitzes von Kinderpornografie zwei Monate hinter Gittern. Bei der Reparatur seines Computers waren belastende Fotos gefunden worden. Aus Kuba und Kambodscha wurde der Brite nach Presseberichten über sein Zusammenleben mit jungen Mädchen ausgewiesen.

Glitter wurde als Musiker erst Anfang der 70er Jahre bekannt. Er gehörte neben Slade, Sweet und T. Rex zu den Protagonisten des aufkommenden Glam Rock, einer Teenager-Musikmode, die von stampfenden Schlagzeugklängen, einfachen Gitarrenriffs und simplem Gesang geprägt war. Die Interpreten mussten möglichst schrill daherkommen. So trug Glitter (deutsch: Glanz) in seiner Blütezeit extrem hohe Plateauschuhe, glitzernde Klamotten und eine Elvis-Tolle.

Mit Hits wie «Rock'n'Roll Part I & II» und «I Didn't Know I Love You» gehörte er bis 1975 zu den erfolgreichsten Künstlern in England. Erste Anzeichen für seinen Abstieg gab es 1986, als ein Selbstmordversuch öffentlich wurde und Glitter einen Offenbarungseid leisten musste. (Von Kay Johnson, dpa)

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