Prozessbeginn : Kachelmann unter Hochdruck

06.09.2010 10:16 UhrVon Jost Müller-Neuhof

Keine souveräne Geste, kein triumphaler Blick. Jörg Kachelmann, der Selbstgewisse, ist an seinem ersten Prozesstag die Demut in Person. Und doch zeigt der Auftakt des Verfahrens: Hier wird mit harten Bandagen zu Werke gegangen.

Kachelmann war immer ein Geschäftsmann, alles in allem auch ein erfolgreicher. Einer, der früh erkannte, dass die Gesetzmäßigkeiten der Medien und die Wechselhaftigkeit des Wetters hervorragend zueinander passten. Eine Neugier im Publikum, die stabiler war als Hochs und Tiefs, ein Thema, das verlässlich Unerwartetes bot, und mittendrin er selbst als gemütliches Orakel mit der beruhigenden Botschaft, dass auf Regen Sonnenschein folgt, wenn auch noch nicht morgen.

Echt daran war wohl immer die Leidenschaft für das Wetter. Seine Eltern besaßen ein Boot am Bodensee, und immer, wenn sie den einzigen Sohn mit auf Törn nahmen, atmete der die Faszination, was sich am Himmel tat. Ein Geografiestudium brach der aus Lörrach Gebürtige ab, er arbeitete beim Radio, machte Boulevardgeschichten, ehe er seine Bestimmung fand. Er gründete Meteomedia, sein Wetternetzwerk mit hunderten von Messstationen, tauchte auf dem Bildschirm auf, wurde prominenter, und „Kachelmann“ die Marke, unter der er seine Wetterdaten und sich selbst vermarktete.

Der Vater starb früh, der Sohn tat viel, um keine Wurzeln zu schlagen. Zwei geschiedene Ehen, zwei Kinder, die er selten sieht, keine feste Adresse in Deutschland, dafür eine Bleibe in Kanada. Ein Vielflieger, Autofahrer und Hotelschläfer, wenn nicht in der Luft, dann auf Achse. Und so hätte es bleiben können, wenn Kachelmann nicht ein verhängnisvolles Spiel in Gang gesetzt hätte.

Sein Privatleben war tabu. Er reagierte abweisend, sprach man ihn darauf an. Sogar seine Ehen hielt er geheim. Mit den Vorwürfen gegen ihn geschah etwas, das er immer gefürchtet hatte. Eine andere Seite kam zum Vorschein, die so gar nicht zum Klischeebild des tüchtigen Wettermannes passt. Selbst wer ungebundenen Lebensweisen vorurteilslos und sexuellen Eskapaden verständnisvoll begegnet, den kann das Kachelmann’sche Arrangement befremden. Mit Partnerinnen in drei Ländern und auf zwei Kontinenten unterhielt der Vielbeschäftigte Kontakt. Der Eisenbahnersohn, dessen Vater es zum Oberinspektor am Endbahnhof Schaffhausen gebracht hatte, entwarf ein komplexes Beziehungsgeflecht, in dem er vielgleisig verkehrte und alle Züge in Bewegung hielt. Seine Frauen ließ er Runden drehen, bis er bei ihnen einen Stopp einlegte, dann war er weg und pendelte zur nächsten. Keine der Frauen wusste von der anderen, nur er selbst stellte Weichen und Signale, wie es ihm passte. So kommt die elektronische Korrespondenz zwischen „Sabine“ und ihm allein in vier Jahren auf beeindruckende 1400 ausgedruckte Seiten, berichteten Medien. Es war ihm offensichtlich auch bei anderen Affären ein Bedürfnis, ständig und viel zu kommunizieren.

Als das komplexe Netzwerk aufflog, fügte sich in zahllosen Medienberichten das Bild eines Mannes, der jedenfalls nicht nur das eine wollte, sondern wohl auch anderes: mit den Lebensplänen seiner Partnerinnen zu spielen, ihre Verfügbarkeit zu genießen, sie warten und sie vielleicht auch leiden zu lassen.

Es sind diese Geschichten, die die Öffentlichkeit stärker gespalten haben als der womöglich unberechtigte Vergewaltigungsvorwurf. Sein Leben erscheint ungewöhnlich, aber mit den Gefühlen, um die es geht, kann sich jeder identifizieren. Ein Drama der Geschlechterverhältnisse.

Tatsache ist, dass nach kriminologischen Untersuchungen die wenigsten Vergewaltigungsvorwürfe Falschbeschuldigungen sind. Doch um Wahrscheinlichkeit kann es in diesem Prozess nicht gehen. Auch wenn sich die Staatsanwaltschaft im Vorfeld ungewöhnlich sicher war. „Ich bin nicht der Befindlichkeitssprecher von Herrn Kachelmann“, sagt Anwalt Birkenstock vor den Fernsehkameras im Gerichtsflur. „Aber er ist eine Person, die in der Öffentlichkeit steht. Sein Ruf ist ihm wichtig“. Es habe eine „Hetzjagd“ stattgefunden. Die Staatsanwaltschaft habe „weit vor uns“ die Öffentlichkeit gesucht und falsche Informationen verbreitet; die Bundespolizei habe Kachelmanns Namen erstmals genannt. Birkenstock nannte die Arbeit der Behörden eine „Verunglimpfungspolitik“. Kachelmanns Medienanwalt Ralf Höcker hält die Pressemitteilungen der Staatsanwaltschaft für „rechtswidrig“.

Seit Kachelmann bei seiner Rückkehr von den Olympischen Winterspielen in Vancouver am 20. März noch auf dem Flughafen von der Polizei erwartet wurde, ringt die Justiz um das richtige Maß in diesem Fall. Die Falle war zugeschnappt, es folgten mehr als 130 Tage Untersuchungshaft, und den Behörden entglitt das Geschehen. Nicht nur wurde öffentlich die Tatnacht rekonstruiert, sondern sogar die Persönlichkeitsprofile der Beteiligten diskutiert. Und bald schon zeigte sich das Bemühen der Behörden zur Aufklärung so verworren und undurchsichtig wie die Tat selbst.

Erst spät – viele Strafverteidiger sagen zu spät – hat Kachelmanns Verteidiger auf eine Haftbeschwerde gedrungen, die vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe schließlich erfolgreich war. Die Karlsruher Richter verneinten, anders als die in Mannheim, einen „dringenden“ Tatverdacht. Es stehe Aussage gegen Aussage, und die Aktenlage gebe nicht genug her, den Beschuldigungen des möglichen Opfers zu glauben. Ein Paukenschlag und gewiss auch eine Überraschung, zumal der Prozess, der Kachelmanns Unschuld beweisen kann, kurz bevorstand.

Nach anfänglichem Kopfschütteln über Beziehungsgepflogenheiten hat sich, wie Umfragen bestätigen, die Stimmung etwas zu Kachelmanns Gunsten gedreht. Rechtswissenschaftler sprechen indes von einem „Justizskandal“.

Die Mannheimer Richter sind jetzt an das Karlsruher Votum nicht gebunden. Sie urteilen selbst, und wenn es zu einer Revision kommen sollte, findet sie vor dem Bundesgerichtshof statt. Die Karlsruher Oberlandesrichter, denen Kachelmann seine Freiheit verdankt, werden sich in den Fall nicht mehr einschalten. Doch um eine Verurteilung zu begründen, müssen die Mannheimer Richter mehr aufbieten als Mutmaßungen über Kachelmanns Persönlichkeit. Und die Aussage des angeblichen Opfers muss sich als hundertprozentig belastbar erweisen.

Gerade daran gibt es Zweifel, woraufhin – nach Medienberichten – ein Gutachten der Bremer Psychologin Luise Greuel hinweisen soll. Auch sie sitzt am Montag in der Riege der vom Gericht bestellten Gutachter, dem Gericht direkt gegenüber. Mit dem angeblichen Opfer hat sie elf Stunden lang geredet, jetzt bekommt auch sie einen persönlichen Eindruck, wie Kachelmann wirkt. Greuel ist eine anerkannte Expertin auf dem Gebiet der Aussagepsychologie, gerade im Zusammenhang mit Aussagen vergewaltigter Frauen. In einer Studie aus den neunziger Jahren berichtet sie, dass Opfer immer noch gegen „Vergewaltigungsmythen“ anzukämpfen hätten. Dazu gehöre, dass die Motivation der Täter deren Sexualtrieb sei. Ein Irrtum, meint Greuel und sieht sich durch die Empirie von Kriminologen und Psychologen bestätigt. Tätern gehe es meist um Kontrolle, Machtausübung und Demütigung ihrer Opfer. Auch davon könnte im Kachelmann-Prozess noch die Rede sein.

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