Prozessbeginn : Kachelmann unter Hochdruck

Keine souveräne Geste, kein triumphaler Blick. Jörg Kachelmann, der Selbstgewisse, ist an seinem ersten Prozesstag die Demut in Person. Und doch zeigt der Auftakt des Verfahrens: Hier wird mit harten Bandagen zu Werke gegangen.

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Jörg Kachelmann verlässt ein letztes Mal das Mannheimer Gerichtsgebäude. Seine Rolle bleibt undurchsichtig.Weitere Bilder anzeigen
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31.05.2011 20:26Jörg Kachelmann verlässt ein letztes Mal das Mannheimer Gerichtsgebäude. Seine Rolle bleibt undurchsichtig.

So benimmt sich einer, der vor Gericht alles richtig machen will. Kurz nach neun Uhr betritt Jörg Kachelmann den fensterlosen Saal 1 des Mannheimer Landgerichts . Als freier Mann, gekleidet in Anzug und Krawatte, die Haare gekürzt, den Blick gesenkt. Schüttelt Hände, bleibt sonst wortlos, die Lippen schmal, verschränkt die Arme hinter dem Rücken, schiebt den Kopf nach vorne, macht sich kleiner, als er ist. Keine souveräne Geste, kein triumphaler Blick. Der selbstgewisse Wettermann, der das Drama der Isobarenlinien zu lesen verstand, das war er mal, heute ist er die Demut in Person.

Es sind nur kurze Minuten, die Jörg Kachelmann erstmals in seinem Leben auf einer Anklagebank Platz nehmen muss. Dann fährt ein Befangenheitsantrag seiner Verteidiger dazwischen. Und das Gericht unterbricht den spektakulären Prozess gleich wieder. Bis nächsten Montag. Doch man spürt, wie Kachelmann seine neue Rolle ausfüllen wird. Sorgfältig vorbereitet. In geübter Haltung. Seriös will er sein. Glaubwürdig.

Der angeklagte Kachelmann wird wieder ein neuer Kachelmann sein, ein anderer als Kachelmann, der entlassene Untersuchungshäftling, der von Knastkumpeln schwärmt, und ein ganz anderer als der manchmal tapsig wirkende Fernsehliebling mit dem Naturburschenbonus. Er wird jetzt auch ein neues Publikum haben, Richter und Sachverständige, die sein Verhalten studieren, einen Staatsanwalt, der ihn für einen verlogenen Verbrecher hält, enttäuschte und verlassene Frauen, die als Zeuginnen aussagen, die prominente Frauenrechtlerin Alice Schwarzer, die in der „Bild“ die Opferseite sprechen lassen will, während draußen vor Gericht der Comedian Oliver Pocher als falscher Kachelmann herumkaspert. Ein solches Publikum hatte er noch nie. Auch nie ein so geteiltes, das ihn schon jetzt entweder für schuldig oder unschuldig hält.

Ein schwieriger Stand. Kachelmann ist Profi, und doch macht er einen Fehler, einen kleinen. Sein Blick wandert ins Publikum, als Richter Michael Seidling die Anwesenheit der Prozessbeteiligten feststellt, eine verzeihliche Unbotmäßigkeit. Keinen Blick hat er für das mutmaßliche Opfer, die frühere Freundin, die Hauptbelastungszeugin, die Nebenklägerin, manche sagen: die Lügnerin. Sie, eine Radiojournalistin aus Schwetzingen, die in den Medien bisher als „Sabine“ oder „Simone“ kursiert, sitzt kerzengerade neben ihrem Anwalt Thomas Franz, blickt starr geradeaus zur Richterbank.

In ihrer Wohnung soll Kachelmann sie im Februar vergewaltigt haben, mit einem Messer in der Hand. Kachelmann bestreitet das und wirft ihr vor, ihn aus enttäuschter Liebe zu verleumden. Sie sagt nichts, als das Gericht sie zunächst „als Vertreter“ der Nebenklage vorstellt. Später darauf angesprochen, meint sie zu einem Journalisten: Ich bin, was Sie wollen. Die schlanke, sportliche Frau im schwarzen Kostüm war in den Minuten bemüht, souverän und standhaft aufzutreten. Es wollte nicht recht gelingen.

Der erste Prozesstag ist, weil kurz, ein Tag der Verteidigung. Nicht mal die Anklageschrift wird verlesen. Stattdessen ein Befangenheitsantrag, verteilt von Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock. Es ist ein Konvolut von 67 Seiten, dazu Anlagen, das sich gegen den Vorsitzenden Richter Michael Seidling und die beisitzende Richterin Daniela Bültmann wendet. „Herr Kachelmann hat die Sorge, die Richter könnten nicht unvoreingenommen entscheiden“, sagt der Verteidiger. Die Gründe wolle er nicht in der Hauptverhandlung vortragen. „Mir geht es nicht um Richterbeschimpfung“, sagt er. In welcher Weise sie voreingenommen seien, sagt er nicht. Er habe seine Argumente „sachlich und pointiert“ dargelegt.

Überraschend kommt der Antrag nicht. Vor dem Prozess war bekannt geworden, dass der Sportverein von Richter Seidling eine gemeinsame Handballgruppe mit dem Schwetzinger Sportverein vom Vater des mutmaßlichen Opfers unterhält. Man lebt in benachbarten Dörfern, es soll gemeinsame Bekannte geben. Beide seien sich aber nie persönlich begegnet, heißt es.

Der Antrag könnte auch andere Gründe haben. Die Mannheimer Richter hatten Kachelmann nicht aus der Untersuchungshaft entlassen. In ihrem Beschluss, den das Karlsruher Oberlandesgericht später aufhob, legten sie ihren Verdacht mehr als deutlich dar, schlossen ihn auch aus der „Persönlichkeit“ des Angeklagten. Schließlich soll Richter Seidling in einer Erklärung, die seine Unbefangenheit untermauern sollte, vom „Opfer“ gesprochen haben, zu dem er nie Kontakt gehabt habe. Richtig wäre „mutmaßliches Opfer“ gewesen. Möglich, dass Verteidiger Birkenstock darauf abhebt. Weshalb es dann aber nur zwei der Berufsrichter und nicht alle drei traf, bleibt unklar. Die Strafkammer will bis Montag entscheiden, ob die Neutralität gewahrt ist. Die beiden abgelehnten Richter nehmen an den Beratungen nicht teil.

So zeigt der Auftakt des Verfahrens, dass auch weiterhin mit harten Bandagen zu Werke gegangen wird, nachdem schon vor dem Prozessbeginn das meiste, um das es in der Verhandlung gehen sollte, öffentlich vorweggenommen worden ist. Es tobt der Kampf um das Bild eines Mannes, dessen altes Leben zerbrochen ist und viele Rätsel aufgibt, und der, da man sich über das alte klar zu werden versucht, eine rasante Wandlung durchläuft.

Kachelmann war nie ein TV-Erstligist, er moderierte die MDR-Talkshow „Riverboat“, hatte eine kleine TV-„Spätausgabe“, er kochte und quatschte, gab den Sidekick bei den Olympischen Winterspielen. Er ließ einen Flusenbart über sein Großejungengesicht wachsen, das in früheren Zeiten mit Rundbrille aussah wie das eines Musterschülers. Die Haare wurden länger, das Gesicht fülliger, er wirkte jetzt noch harmloser, uneitler als sonst, wie einer, der seinen Bubencharme über die Zeit retten wollte.

Mit seinen Wetterberichten von Berg, Tal und Küste wirkte er fröhlich und neugierig wie ein ewiges Kind, das die Welt entdeckt. Kein ganz Unverbrauchter mehr, aber doch einer, der mit der Natur und sich im Reinen ist. Sollte das alles nur Show gewesen sein?

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